Texte

Tag im Meer

swim 9:41h.

Ich betrete den Sand des Strandes von Badalona. Der Vorort Barcelonas ist eine relativ touristenbefreite Zone und es gibt Platz satt für mich und mein Badetuch. Die Sonne brennt bereits kräftigst und ich mache mich auf ins Wasser, um mich abzukühlen. Ich bin kein großer Schwimmer, aber ich kann super planschen. Hatte ich schon als kleiner Drei-Fleischkäse-hoch drauf, das Planschen. Zwei kleine spanische Mädchen sehen zu, wie ich etwas zögerlich in die leichte Brandung stiefele. Sie lachen keckernd und ich frage mich, was es da zu keckern gibt. Es liegt wohl daran, das ich der einzige Nichteinheimische hier bin und hauttechnisch als leuchtendes Beispiel diene. Was in Ostwestfalen noch als fesche Bräune durchgeht, nennt man hier ein Meter neunzig Frischkäsezubereitung. Ja ja, keckert nur, denke ich. Ein Tag am Strand und ich gehe glatt als Südwestfale durch.

9:43h

Ich bin hart erfrischt.

9:45h

Fröhlich hopse ich hoch, wenn eine größere Welle anrollt. Hopsen und planschen, da macht mir keiner was vor. Bei einer Welle vertue ich mich aber ein bisschen und werde herumgewirbelt. Spaßig, denke ich, doch die Welle wollte wohl mehr von mir und hat an meiner Hose gezuppelt. Ich will den Sitz des James-Bond-mäßigen Beinkleids korrigieren, da bemerke ich den Grund für das Keckern der Kinder. Da habe ich doch glatt meine Badehose auf links angezogen. Und weil für die Herstellung des Kleiderschildes inzwischen mehr Stoff benutzt wird als für die Klamotte als solche, hat es für die belustigten Blagen wohl ausgesehen, als hätte ich arschwärts die weiße Fahne gehisst. Kein Problem, bin ja nicht auf den Kopf gefallen, zumindest nicht öfter als ein, zwei Mal. Ich schwimme ein paar Meter Richtung Ägypten, versichere mich, das gerade keiner guckt und beginne dann, mir unter Wasser die Buxe auszuziehen. Bei dem Auf und Ab des Wasser ist das gar nicht so einfach. Bin untenrum ganz frei und denke Hi Hi, wenn ihr wüßtet, ihr Menschen am Strand und im Wasser. Dann friemele ich die halb geknüllte Hose unter Wasser auseinander und dreh sie wieder auf rechts, was allerdings keinerlei politische Aussage beinhalten soll.

9:47h

Ich lerne etwas über die lokale Meeresfauna. Es gibt hier zwar keine Krokodile oder Haie, aber auf jeden Fall Fische, die groß genug sind, um einem ausgewachsenen Ostwestfalen seine James-Bond-mäßige Badehose aus der Hand zu reißen.

9:48h

Ich hasse es, Salzwasser in die Augen zu bekommen, aber es geht nicht anders. Ich tauche unter und suche nach dem dreisten Dieb, aber der hat sich schon aus dem Schlick gemacht. So eine Sau, so eine dumme! Von meiner James-Bond-mäßigen Badehose, die mein Gemächt stets so schön betonte keine Spur. Mein Gemächt treibt frei im Wasser und betont meine Nacktheit. Mit brennenden Augäpfeln tauche ich wieder auf. Verzweifelt sehe ich zu dem sich mit Menschen füllenden Strand. Die einzigen anderen Nackten sind die kleinsten Kinder, die dürfen sowas. Wenn ich jetzt so bloß und blass zu meinem Badetuch und meiner Jeanshose spurte keckern nicht nur die Kinder. Mein Urlaub hat gerade erst angefangen, da möchte ich nicht schon zum Gespött der Einheimischen werden. Zumal solche Ereignisse schnell mal den Weg auf youtube finden. Ich will nicht bekannt werden als der fahle Flitzer von Badalona.

10:01h

Ich überlege, ob ich mich damit rausreden könnte, wenn ich einfach aus dem Wasser spaziere und der versammelten Mannschaft erkläre, dass ich aus der DDR komme und das man im Nudisten- und Bauernstaat halt am Strand so rumläuft. Mit kulturellen Hintergründen kann man schließlich viel erklären und entschuldigen.

10:03h

Überlege es mir anders.

11:35h

Der Strand ist rappelvoll. Sehnsüchtig sehe ich einem jüngeren Typen in rosa Shirt und grüner Hose hinterher. Nicht weil mir sein Outfit so gut gefällt oder ich mich sexuell umorientiert habe, sondern weil er gerade mein Sachen klaut und sich damit aus dem Strandstaub macht. Also hat sich auch mein Plan erledigt, völlig erstaunt irgendwo in den Himmel zu zeigen, mit weit aufgerissenen Augen „Boah!“ zu brüllen und wenn alle am Strand in die gleiche Richtung starren mit einem schnellen Spurt zu meiner Decke und in meine Hose zu gelangen.

12:irgendwas

Meine angeblich wasserdichte Uhr ist nicht wasserdicht.

Später

Eine Gruppe bleicher Touristen kommt an den Strand und wagt sich zaghaft ins Wasser. Ich paddle etwas näher heran und sperre die Lauscher auf. Die Ü40er-Truppe unterhält sich auf Deutsch. Ich sage „Huhu, sind sie aus Deutschland?“ und sie gucken, wie Deutsche so gucken, wenn sie im Urlaub auf Deutsch angequatscht werden, ob sie Deutsche sind. Antworten tun sie natürlich nicht, der nächste Satz könnte schließlich die Bitte um Geld beinhalten. „Ich bräuchte mal ihre Hilfe“, versuche ich es und sie gucken, wie Deutsche gucken, wenn sie im Ausland im Wasser padeln und sich denken: „Hab ich’s mir doch gedacht.“ Einer von ihnen sagt: „Der sieht aus wie Jesus. Ey, bist du Jesus?“ und die anderen lachen. Ich spare mir den Hinweis, dass ich dann wohl weniger IM sondern vielmehr AUF dem Wasser unterwegs wäre und entferne mich mit einigen Schwimmzügen von der Truppe. Sie fahren damit fort zu paddeln und laut und unangenehm zu sein. Ich gucke, wie ein Deutscher so guckt, wenn sich für seine Landsleute fremdschämt und keine Badehose anhat. Ich bin froh, dass die Bleichgesichter schnell wieder verschwinden.

Noch später

Es ist ein feiner Unterschied, ob man im Wasser strampelt und weiß, das man jederzeit wieder ans Ufer schwimmen kann und dort von der Sonne in Nullkommanix wieder auf Betriebstemperatur hochgefahren und von einer Caprisonne erfrischt wird. Ich habe diesen Luxus nicht und mir wird langsam kalt und ich bin müde. Das Mittelmeer entpuppt sich als unsympathischer Schulhofrüpel und döppt mich ständig.

Sehr viel später

Langsam wird es ernsthaft ungenehm. Ich habe ziemlich viel Salzwasser geschluckt und was sonst noch so da rumschwimmt und mir wird schlecht. Eine Welle schüttelt mich durch und es kommt wie es kommen muss: es kommt mir hoch. Peinlich berührt betrachte ich den Göbelteppich der an der Wasseroberfläche treibt. Ich möchte nicht gemeinsam mit ihm gesehen werden, vor allem, da er unweigerlich Richtung Ufer treibt und es mir sehr ungenehm wäre, sollte ein einheimisches Kleinstkind weinend zu seinen Eltern traben, während es aussieht wie eine Werbefigur für Wagner-Steinofenpizza. Es kommt nicht so gut, wenn man Kinder vollkotzt, da werden die dazugehörenden Eltern schnell mal kritisch. Ich tauche unter und schwimme ein paar Züge, bevor mich meine miese Kondition zum Auftauchen zwingt. Ich checke die Lage und stelle fest, das ich nicht sehr weit gekommen bin. Gerade soweit, um inmitten meines eigenen Göbelteppichs wieder aufzutauchen. Ich sage: „Uäh“, und eine weitere Welle beschert meiner Kotze und meinem Magen eine deutsche Wiedervereinigung. Ich überlege, mich noch mal zu erbrechen, statt dessen lasse ich meiner Traurigkeit freien Lauf und mache das Mittelmeer noch ein bisschen salziger.

Nachmittags, irgendwann

Alles egal. Ich kann nicht mehr. Mit Wackelpeterbeinen, brennenden Augen und übelkeiterregender Übelkeit krieche ich an den Strand. Ich richte mich auf, präsentiere den staunenden Spaniern mit ausgebreiteten Armen meine ganze Pracht und rufe in bestem Google-Translator-Spanisch: „Sí, estoy desnudo. ¿Cómo hacer eso nos detenga en la DDR.“ Mit einem Schlag ist es ruhig am Strand. Eine Möwe lässt eine Stecknadel fallen. Ich überlege gerade, einfach wieder zurück ins Meer zu stiefeln und es drauf ankommen zu lassen, ob ich bis zu irgendeiner menschenleeren Küste Afrikas schaffe. Da erblicke ich den Typen, der meine Klamotten stibizt hat. Ich sehe zwar nur noch schemenhaft, aber das rosa Hemd und die grüne Hose sind unverkennbar. Die Sau! Ich renne auf den Kerl zu und springe ihn an.

Heute

Die spanische Presse war nicht sehr erbaut darüber, das ein offensichtlich geistesgestörter nackter Deutscher am Strand von Badalona durchgedreht ist und scheinbar grundlos die 82-jährige Esmeralda Martinez niedertackelte. Die ehemalige Direktorin eines Waisenheims und ehrenamtliche Leiterin des lokalen Kirchenchores erholte sich gerade erst von einer Hüftverletzung, die sie sich zugezogen hatte, weil sie drei Küken vor einem heranrasenden Auto rettete. Drei Küken und einen Labradorwelpen. Ich habe mit meiner Aktion nicht unbedingt zum Genesungsprozess beigetragen. Mein Argument, dass ich vom Salzwasser halb blind war ließ man auf der Polizeiwache ebenso wenig gelten, wie meinen Einwand, dass ich der Jesus von Karl-Marx-Stadt sei und somit quasi diplomatische Immunität genösse. Man behielt mich über Nacht da, ließ mich zum Frühstück von Esmeraldas siebzehn Enkeln vertrimmen und setzte mich ins Flugzeug nach Hause mit der Auflage, mich nie wieder in Spanien sehen zu lassen.

Nun überlege ich, wohin es im nächsten Urlaub geht. Italien soll ja sehr schön sein. Jetzt brauche ich nur noch eine neue Badehose.

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