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Eine kleine Herbstbetrübnis

caspar david friedrich nebelPauls Gemüt war grau und getrübt. Selbst das Seufzen viel ihm schwer. Er tat es dennoch häufig und jedes Mal fühlte es sich an, als versuche er mit seinem Brustkorb das Gewicht eines schweren Steins zu heben.

Nicht, dass er von Hause aus zur Melancholie neigte. Pauls Problem war seine extreme Wetterfühligkeit. Der Frühling brachte stets Euphorie, der Sommer pure Lebensfreude und im Winter war ihm zutiefst kuschelig und weihnachtlich zumute. Aber der Herbst, der machte ihm das Leben schwer. Das feuchte Wetter und vor allem der Mangel an Sonnenschein vernebelten ihm im wortwörtlichen Sinn die Seele. (siehe Bild)

Das machte ihm besonders zu schaffen, weil er seinen Beruf so gerne mochte. Er arbeitete gerne an der frischen Luft. Aber wenn es so feucht kalt und diesig war, bereitete ihm das keine Freude. Auch die Menschen um ihn herum munterten ihn dann nicht auf. Dabei erfreuten Pauls Kunden ihn Tag um Tag. Er machte seinen Job gut und musste nicht wie manch anderer fürchten, dass seine Stelle einmal wegrationalisiert werden könnte. Paul wurde gebraucht, das wußte und spürte er und das war ein gutes Gefühl. Beschwerden seiner Kunden fürchtete er nicht. Nie hörte er ein böses Wort von ihnen. Statt dessen brachten sie ihm Blumen mit. Er mochte sie und erzählte ihnen oft den lieben langen Tag von sich. Paul war eigentlich ein froher Mensch, der oft sogar noch abends die Kundschaft besuchte und auf ihr Wohl trank und zotige Trinklieder für sie zum Besten gab und ihnen seinen patentierten Krokodiltanz vorführte.

Ja, Paul war ein froher Typ. Nur im Herbst nicht so. Er mochte es nicht, wenn der ganze Tag nebelig und duster war. Er atmete einmal mehr tief ein und stieß einen Seufer in die kalte feuchte Luft. Aber es half ja alles nichts, die Arbeit machte sich nicht von alleine, egal wie es um Pauls Laune stand. Er schüttelte sich und riß sich zusammen. Dann klatschte er zwecks Selbstmotivation in die Hände, griff nach seinem Spaten und hob ein weiteres Grab aus.

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