Gedankenstrom/Jungsmusik

Hallo ROCK HARD, …

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… es ist nun schon einige Tage her, dass ich doch kräftig schlucken musste. Beim üblichen News-Gestöber auf eurer Homepage sprang mich die Headline an: GÖTZ KÜHNEMUND UND ROCK HARD TRENNEN SICH.

Ich halte mich für einen relativ betroffenheitsresistenten Menschen, zumindest was latent belanglose Personalien angeht, aber bei dieser Meldung musste ich schlucken, war schlichtweg baff. So manche Trennung von Bands, die ich verehrte machte mir deutlich weniger aus als dieser Split.

Das ROCK HARD gehört seit Jahren zu meinen absoluten Lieblingslektüren. Nicht, weil das Heft journalistische Meisterleistungen bietet (zumindest nicht nur) oder optisch so ansprechend ist, sondern weil man den Eindruck hatte, dass die Crew nicht nur an Musik interessiert ist, sondern dies auch in einer Gemeinschaft zelebriert. Man hatte irgendwie das Gefühl, dem Wirken von Freunden, von einer Gang mit beizuwohnen. Und der Cheffe, der kahle Kapitän hieß Götz Kühnemund.  Nicht nur ein lustiger Typ mit einem nahezu kindlichen Begeisterungsvermögen, der hartnäckigst seine Lieblingsbands abfeiert, sondern auch ein kompetentes und glaubwürdiges Sprachrohr der deutschen Metalszene. Und vor allem ein Urgestein des ROCK HARD. Und dabei bleibt es nicht. Ein gutes Dutzend Redakteure nimmt ihren Hut bzw.packt die Kutte ein. „WTF?“, fragt man sich da. Von „wirtschaftlichen Entscheidungen“ ist da die Rede. Nun gut, kann man nachvollziehen. Auch das RH hat in den letzten Jahren den Todeshauch des Internets zu spüren bekommen und die Auflage der Glanzzeiten von fast 60.000 Exemplaren wird nicht mal mehr zur Hälfte erreicht. Aber ob es da so sinnig ist, gleich die beinahe komplette Redaktion durch freie Mitarbeiter zu ersetzen ist fraglich.

Zumindest die Reaktion der Leser u.a. bei Facebook lässt anderes vermuten. Nimmt man die Mehrheit der zahlreichen Kommentare als Maßstab hat man mit der Massnahme einen Bock in Elefantengröße geschossen. Viele wollen ihr Abo kündigen, fast alle üben sich im Ultimatum stellen: „3-4 Ausgaben gebe ich Euch.“ Für die meisten steht das Urteil anscheinend schon fest: Tod durch Rationalisierung, der sogenannte „Exitus kapitalismus“.

Was mich persönlich erstaunt, ist das Erstaunen von Herausgeber Holger Stratman über die Leserreaktionen. Zitat: „Wir sind nicht das erste Magazin und werden auch nicht das letzte sein, das mal einen Mitarbeiter entlässt oder verliert.“ Das stimmt natürlich, aber der Abgang einer kompletten Fußballmannschaft und des Aushängeschilds ist einfach eine andere Liga. Und was Holger wohl nicht versteht, ist der symbolische Charakter für die Szene.

Im Metal ist vieles unpersönlicher geworden. Man hängt nicht mehr in Plattenläden gemeinsam ab, weil Plattenläden inzwischen beinahe nur noch im Bernsteinzimmer zu finden sind. Und im Media Markt lässt es sich nicht gut klönen. Festivals sind Massenabfertigungen und kleinere Konzerte sind jenseits der Metropolen zu seltenem Gut geworden. Und die Treffpunkte „Metalkneipe“ und „Metalparty“ leiden vielerorts unter dem Rauchverbot (auch wenn ich das ungern zugebe). Das ROCK HARD war in einer sich immer mehr ins Internet zurück ziehenden Szene eine Institution, die blöd gesagt, den Eindruck vermittelte, dass es sie noch  gibt, die Cliquen, die eingeschworenen Gemeinschaften. Es ging um die Frotzeleien zwischen den Redakteuren, um die charmanten Battles, welche Band die geilste ist oder welches Album einen höheren Stellenwert hat. Um „DAS IST KEIN METAL“-Diskussionen und die Berichte von gemeinsamen Abstürzen auf Festivals und Gänsehautschauern auf RUSH-Konzerten.

Wenn so eine Gemeinschaft mit Karacho zerbricht und wirtschaftliche Gründe vorgeschoben werden, dann ist das furchtbar desillusionierend. Und klingt gelogen. DARUM, Holger, sind die Leute sauer. Weil sie sich vergackeiert fühlen. Das Rock hard ohne Götz ist für viele wie MOTÖRHEAD ohne Lemmy. Und MOTÖRHEAD ohne Lemmy ist wie „Google“ bei GOOGLE eingeben: alles geht kaputt.

Ob dem wirklich so ist, bleibt abzuwarten. Ebenso, was Götz, Frank Albrecht und Co. zu ihrem Abgang zu sagen haben werden und ob sie an anderer Stelle weitermachen. Das sie etwas Neues starten wage ich nicht zu hoffen, das wäre vermutlich finanziell heutzutage nicht mehr zu stemmen. Wird das ROCK HARD überleben oder zur App verkommen, werden freie Redakteure, die für Mindesthonorare arbeiten, das Niveau halten können? Wird es in ein, zwei Jahren die große Reunion-Ausgabe geben mit Livelesung, Kuschelsex und RANDALICA unplugged auf dem ROCK HARD FESTIVAL. Oder macht Götz seine eigene Metalkneipe auf, mit Frank Albrecht als Koch und Selim Lemouchi als Rausschmeißer?

Wie auch immer: Wenn das ROCK HARD verschwindet, verschwindet auch ein wichtiges Stück der deutschen Heavy metal-Kultur. Ich drücke die Daumen, dass es nicht dazu kommt.

Sauer bin ich trotzdem!

Sincerly,

Micha

P.S. Mit einer zünftigen HÖLLENGLÖCKEN-Rezension könntet ihr euch zumindest bei mir wieder gut einschmeicheln…

4 Kommentare zu “Hallo ROCK HARD, …

  1. Moinsen, Szene? Was ist Szene? Ich hab schon vor vier Jahren beim KIT mit Götz darüber sinniert, dass die Szene immer mehr zu einem Haufen Mainstream verkommt. Hard Rock Shirts bei Tschibo usw. Aber es gibt Hoffnung. Der Kutti kommt zurück. Ich sehe das bei Bands wie Fabulous Desaster (https://www.facebook.com/pages/Fabulous-Desaster/138190712859748?fref=pb&hc_location=profile_browser). Jung, ergeizig. Witzig finde ich ja, dass man sich von „Altlasten“ trennt, aber selbst an der Spitze bleibt. OK. Holger ist Herausgeber. Das wirkt irgendwie wie Ukraine. Wie stand in einem Post zu lesen „Man wolle mehr zu einem Magazin für Musikliebhaber“. Wenn ich das will, kaufe ich mir ne Zeitung wie „Gitarre und Bass“. Für Götz und Frank hoffe ich, dass das Netzwerk Metal sie auffängt. Bei mir haben sie immer ein Essen gut.

  2. Hallo Micha-el ! Du hast es geschafft, mein mulmiges Gefühl in Worte zu fassen, danke !
    Ich lese das ROCK HARD seit über 20 Jahren, es hat mich sozusagen „metallmäßig sozialisiert“. Ich habe es sogar geschafft, das ROCK HARD auf die Bibelschule nach Norwegen mitzunehmen, was nicht jedem geschmeckt hat. Aufmerksam geworden bin ich auf das Heft, weil mir eine Freundin vorgeschwärmt hat, wie bekloppt sich die Redakteure und Schreiber dort im Heft selber titulieren und kommentieren, das wäre meilenweit besser als der Metal Hammer. So war’s dann auch !
    Dein Kommentar „Rock Hard ohne Götz und Deathbrecht sind wie Motörhead ohne Lemmy “ ( nicht zu vergessen Kollege Mühlmann, der so aussieht wie einer von Journey und mittlerweile sogar verständlich schreibt sowie Hardrocker Himmelstein ) trifft es genau. Kiss – da kann ich mir locker eine Cover – Band anschauen, das reicht mir – aber eine Motörhead – Cover – Band ? Ehrlich gesagt nein – genauso ist es mit dem ROCK HARD – ohne dass ich die Leistungen der verbliebenen Mitglieder schmälern möchte.
    Warum hat man nicht mal was Ausgefallenes versucht, um sich zu finanzieren, wie z.B. Fundraising, das geht doch selbst bei grottenschlechten Bands wie Obituary ?
    Ich brauche keine Onkelz – Reunion, ich will eine ROCK – HARD – Reunion !

    Gott zum Gruße

    Uli
    P.S. Du hast die Haare schön, Du hast die Haare schön … la la la

  3. Pingback: Lieblingslied der Woche: Primordial – Where greater men have fallen | Wortstrom

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