Gedankenstrom

Warum ich immer noch Regale voller Bücher habe

Ich bin schon ein ziemlich alter Typ. So um die fünfzig- bis hunderttausend Jahre.
Anders als mit dem Sammeltrieb unserer höhlenbewohnenden Urahnen kann ich es mir nicht erklären, warum ich mir immer noch die Bude mit Regalen vollstelle und die Regale mit Büchern, CDs und DVDs. Es gibt dafür keinen rationalen Grund, wo doch alles immer und überall zur Verfügung steht. Na gut, nicht überall. Schöne Grüße in die Uckermark! Aber im Großen und Ganzen leben wir in einer ersten Welt in der man nicht mehr Mammuts jagen muss, um was auf den Teller zu bekommen. Man geht statt dessen zu Machmut und holt sich einen Mammutdöner. Und wenn man was gucken will schmeißt man Netflix an, spotifyt sich seine Musik oder zieht sich ein gutes Buch auf den Kindle.
Es gibt keinen rationalen Grund, sich Bücher ins Regal zu stellen. Außer: es sieht schön aus. Finde ich zumindest. Es gibt natürlich auch den Angeberfaktor, das man mit seiner Belesenheit einen auf dicke Cordhose machen will, aber das fällt bei mir flach. Ich kriege keinen Besuch. Und die seltenen Gäste, die ich habe brauche ich nicht zu beeindrucken, die kennen mich gut genug um zu wissen, das ich größtenteils eher unbeeindruckend bin, da hilft auch kein Brockhaus mehr.

Ich liebe halt den Anblick von Büchern. Schon als Steppke konnte ich stundenlang in Bibliotheken und Buchläden rumstromern. Dazu kommt die Doppelbelastung, das ich mir selbst schon im Grundschulalter nichts Cooleres vorstellen konnte, als irgendwann mal ein eigenes Buch herauszubringen. Wobei, das stimmt nicht ganz, aber bisher verweigern die bayrischen Verwaltungszicken, das ich meinen Wohnsitz auf Schloß Neuschwanstein verlege, also verlege ich mich darauf meine Bücher verlegen zu lassen. Und auch, wenn ich es eigentlich mit Dietmar Wischmeyer halte und es mir egal ist, was die Käufer*innen nach dem Lesen mit diesen Büchern anstellen, gefällt mir der Gedanke, das sie es nicht einfach in die Tonne treten, sondern möglichst präsent in einem Regal aufbewahren, hin und wieder zur Hand nehmen, sinnierend über den Buchrücken und das Cover streichen, es vielleicht noch mal lesen oder mit einem Lächeln und einem leisen Seufzer wieder zurückstellen. Klar ist das übelst kitschig, aber schön wäre es schon. Vernünftig allerdings nicht und ich kenne viele in meinem Umfeld die ein deutlich pragmatischeres Verhältnis zu Büchern haben und sie nach der Lektüre zum öffentlichen Bücherschrank bringen, weiterverschenken, im Café liegen lassen oder dem Altpapier überantworten. Letzteres wäre bis vor einiger Zeit kaum jemanden in den Sinn gekommen, haben Bücher doch den Ruf hoher Kultur und von Unberührbarkeit. Im Grunde genommen ist das Quatsch, aber mir läuft immer noch ein Schauer über den Rücken wenn ich etwas in Buchform ins Altpapier gebe. Es fühlt sich falsch an, selbst bei medizinischen Ratgebern, die längst überholt sind und zum Beispiel bei einem hysterischen Anfall einer Frau anraten selbige einfach mal mit der Hand zu befriedigen; bei Kochbüchern die Rezepte für die Zubereitung mit einer wandschrankgroßen Mikrowelle beinhalten, deren letzte Exemplare schon unter Helmuth Kohl in den Elektroschrott gewandert sind oder dem ’97er Preiskatalog für Tamagotchis.

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Pic: Franz Schekolin via unsplash.com

Andere haben solche Bedenken nicht, sondern feuern bedenkenlos auch Klassiker der Literatur in die Tonne. Wir leben in einer Welt, in der alles bei Bedarf ersetzbar scheint, insofern kann ich eine so nüchterne Haltung durchaus verstehen und wer das Pech hatte, mir mal bei einem Umzug helfen und dutzende papierbefüllte Bananenkartons schleppen zu müssen, wird sich wahrscheinlich auch gewünscht haben, das ich mehr in dieser Richtung ticke.
Rational ist es echt nicht. Aber ich will nicht ab davon. Es gibt einerseits den inneren kleinen Bibliothekar in mir, der Worte und Wissen bewahren will für künftige Generationen (gut, das hat sich wohl auch erledigt…) und es gibt keine besseren Datenträger als Papier, Vinyl und Felswände. Dieser Tage feiern wir gerade das fünfzigste Jubiläum der Mondlandung und viele fragen sich anhand der damals noch in den Babypantoffeln steckenden Computertechnik, wie die das geschafft haben. Einfach Antwort: wir wissen es nicht. Die Magnetbänder mit den Daten und Berechnung der Apollomissionen sind schon seit etlichen Jahren nicht mehr lesbar. Genauso geht es Daten, Bildern oder Dokumenten, die auf Festplatten, CDs oder in irgendwelchen Clouds gespeichert sind. Die werden schneller als man denkt einfach futsch oder mit der Technologie der nächsten Jahre schlicht nicht mehr les- und konvertierbar sein. Archäologen gehen davon aus, das unser digitales Zeitalter mit seiner unfassbaren Produktion von Daten das am schlechtesten dokumentierte der Menschheitsgeschichte sein wird, insofern es in der Zukunft überhaupt noch Leute gibt, die sich dafür interessieren könnten, was die Vorfahren so angestellt haben. Falls doch, hätten sie genauere Informationen über die Ernährungsgewohnheiten von Ludwig XIV., als über 9/11.

Auch weil Bücher nicht mehr so wertgeschätzt werden. Und schwupps ist dann halt mal so eine komplette Auflage weg, weil niemand ein Exemplar archiviert hat.
Aber nicht nur mein klitzekleiner Anteil, den ich mit meiner bescheidenen Bibliothek dazu beitragen könnte wichtiges Wissen über den Drogenkonsum von Rockmusikern und Hedonisten, die verschiedenen Inkarnationen von Batman oder Basiswissen über die Star fleet und die Scheibenwelt zu erhalten, bewegt mich dazu, meine Regale zu lassen wie sie sind. Mir ist neulich noch ein weiterer Aspekt aufgefallen, der deutlich persönlicher ist und den ich mir vorher gar nicht bewußt gemacht habe. Warum es mir wichtig ist, exakt die Bücher zu besitzen, die ich gelesen habe (ich hasse es, mir Bücher auszuleihen). Natürlich lese ich nicht alle Bücher zwei Mal oder noch öfter, aber wenn ich mein Regal betrachte und sie sehe, ihre Buchrücken, die Macken, hier und da ausbleichende Cover dann erinnere ich mich wieder an die darin enthaltene Geschichte. Ich erinnere mich an den Spaß, den Horror, die Freude oder die Traurigkeit, die mir dieses Buch bereitet hat. Das könnte ich nie mit einem e-Reader empfinden oder einem Buch, das ich mir neu nachkaufe.
Es ist ein schöne Erinnerung und die möchte ich nicht missen. Und genau so wenig das Bild eines vollen Bücherregals. Und wer weiß, ich bin ja Träumer und vielleicht werde ich aus Versehen doch noch mal reich in diesem Leben und dann werde ich mir definitv eine Bibliothek einrichten mit Regalen aus dunklem Holz bis unter die Zimmerdecke, einer Leiter die man seitwärts rollen kann, um an die oberen Reihen zu kommen, einem dicken Teppich, Ohrensesseln und einem Globus, den man aufklappen kann und der guten Whiskey, Sinalco und M & M’s beherbergt.
Und dann, ja dann lade ich mir auch mal Besuch ein. Um ihn so richtig zu beeindrucken.

 

Das Beitragsbild stammt von Stanislav Kondratiev via unsplash.com

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