Im Postrock/Texte

Im Postrock #005

Hohe Fünf
Und wir sitzen mal nicht im Postrock, aber dafür vor dem Postrock, der Jan und ich, weil der Frühling wie eine nach feuchtem Regen duftende grüne Welle über uns hereingerollt ist und wir nun den ersten schönen Nachmittag des Jahres genießen wollen.
„Gib mir Hohe Fünf“, sagt Jan und hält seine Hand zum Einschlagen hoch. Ich tue ihm den Gefallen.
„Und worauf haben wir jetzt eingeschlagen?“, frage ich leicht verwirrt. Jan zuckt mit den Schultern.
„Einfach so. Das Wetter ist schön, das Bier ist kalt, das Leben gut. Da kann man sich doch einfach mal Hohe Fünf geben. Nur so. Auch zur eigenen Motivationssteigerung. Das ist wie mit Lächeln, wenn man schlecht drauf ist. Die Hormone sagen dir, alles ist grau und scheiße, aber dann zwingst du dich zum Lächeln und die Hormone denken, Fiiiiick, wir liegen ja voll daneben, der Typ lächelt, es muss also alles leichti peichti sein und fangen an Endorphine auszuschütten wie bekloppt und schon ist man tatsächlich gut drauf. Das klappt bestimmt auch mit Hoher Fünf. Dann werden Erfolgshormone ausgeschüttet, ganz ohne Erfolg.“
„Aha“, sage ich, weil es mir grad unangemessen scheint, einen guten Freund als Vollidioten zu bezeichnen. Vielleicht ist da sogar was dran. „Aber jetzt mal ehrlich, was soll der Quatsch mit ‚Hoher Fünf‘? Sag doch einfach ‚High five‘.“
„Nee“, sagt er. „Ich mache gerade Anglizismusdiät. Einfach mal fremdsprachlich entschlacken. Die eigene Sprache pflegen.“
Ich verziehe das Gesicht. „Das klingt mir aber arg nach piefiger Deutschtümelei“, sage ich. „Bist du jetzt etwa unter die konservativen Schrägstrich faschistoiden Sprachbewahrer gegangen?“
Er gibt mir einen Blick der verrät, das er nun seinerseits mich am liebsten zum Deppen erklären würde. „Sehe ich etwa so aus als hätte man mir ins Hirn geschissen? Nein, mein Freund, es geht mir nur darum meinen Wortschatz zu polieren. Dafür muss man nicht national gesinnt sein. Eine Woche mal die ganze angebliche Kühlheit des Englischen und das Internetzsprech außen vor lassen, das schärft das Ohr für die eigene Sprache. Nächste Woche bin ich dann wieder Flug, kreuze durch die Stadt oder saufe bis zum Hängüber. Aber bis dahin gucke ich mal, wie weit mein Wortschatz reicht.“
Ich zucke mit den Schultern. „Wenn’s dir Spaß macht…“
Er nimmt seine Sonnenbrille ab. Darunter zeigt sich auf der linken Seite ein veritables Veilchen dunkelblauester Färbung. „Na ja“, sagt er. „spaßig ist es nicht immer.“
„Wow“, staune ich, „wer hat dir denn die Gesichtsverzierung verpasst?“
Er betastet das Hämatom und zuckt leicht zusammen. „Ach, ich war gestern auf einer Sprechgesangzusammenkunft…“
„Du meinst, auf einem Hiphop-Jam“, unterbreche ich.
„Ja. Sag ich doch.“
„Deutsche Sprache, komplizierte Sprache“, sage ich.
„Wie auch immer“, fährt Jan fort, „es war offenes Mikrofon und irgendwann bin ich auf die Bühne zum Mann an den Drehtellern und hab ihm ins Ohr gebrüllt: ‚Ey Heimi, gib mir einen fetten Schlag‘. Hat er wohl falsch verstanden.“
„Tja, hat er wohl“, sage ich und muss mir verkneifen ihn auszulachen. Wir sitzen eine Weile schweigend und sehen vorbeifahrenden Autos, ersten Motorrädern und Fahrradfahrern zu, wie sie vorbeiziehen. Die eine oder andere vorwitzige Hummel summt herum von den anderen Tischen tönen gutgelaunte Plaudereien hinüber. So kann man sich den Frühling gefallen lassen, denke ich.
Anneke kommt auf ihrer Runde an unserem Tisch vorbei. „Na, Jungs, darf es bei euch noch was sein?“, erkundigt sie sich.
Ich ordere noch ein Radler, meiner Meinung nach das beste Frühlingsgetränk überhaupt. Jan wirft einen Blick in die Karte. „Weißt du, Anneke“, verkündet er. „Mir ist sommerlich zumute, also werde ich mir den ersten Schwanzschwanz des Jahres gönnen. Bring mir doch bitte einen Geschlechtsverkehr am Strand.“
Er strahlt Anneke an, Anneke guckt ihn an, ihr Stift schwebt unschlüssig über dem Notizblock in ihrer Hand. „Ich bring dir n Bier“, sagt sie dann und geht weiter ihre Runde, bevor Jan protestieren kann.
Jan guckt enttäuscht, ich grinse ihn an. „Deutsche Sprache, komplizierte Sprache“, sage ich.
Er nickt. „Da sagst du was Wahres.“
Ich hebe die Hand. „Hohe Fünf?“
Jan schüttelt traurig den Kopf. „Grad nicht, Heimi, grad nicht. Lass uns einfach hier sitzen und trinken.“
Ich lasse die Hand wieder sinken und nicke. „Sitzen und trinken“, sage ich. „Auch kühl.“

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