Texte

Landung in Zürich

Inspiriert durch „Landing in London“ (3 doors down feat. Bob Seger)

Ich wache auf, als das Flugzeug auf der Landebahn in Zürich unsanft aufsetzt. Eine dreiviertel Stunde Flugzeit nur, aber ich bin dennoch eingeschlafen. Das wundert mich nicht, denn in der Nacht zuvor habe ich kein Auge zugemacht. An Schlaf war einfach nicht zu denken, nicht nachdem, was du zu mir gesagt hast. Nicht nachdem, was ich zu dir gesagt habe. Bewegung verliert solange Energie bis sie zum Stillstand kommt, sagt die Physik. Die Physik eines Streites zwischen sich eigentlich Liebenden funktioniert nach anderen Prinzipien. Es beginnt mit der kleinstmöglichen Bewegung, einem falschen Wort, einem Tonfall, einem Blick, einem Schnauben oder einem Schweigen an der falschen Stelle und schaukelt sich dann hoch. Er gewinnt Energie. Gleich einem nuklearen Sprengsatz stößt erst ein Teilchen an ein anderes, dann an noch eins, das an ein anderes und in rasender Geschwindigkeit ist ein Prozess im Gange, den niemand mehr kontrollieren kann und der unweigerlich zu einer Detonation führt, die alles verbrennt und auf lange Zeit tödlich verstrahlt. Bei uns ist die Explosion am Abend zuvor geschehen und noch immer spüre ich ihre Nachbeben, winde mich in ihrem Fallout. An Schlaf war nicht zu denken. Matt und müde schleppte ich mich zum Flughafen. Noch bevor der Flieger die Triebwerke aufheulen ließ, war ich in dem bequemen Sessel eingeschlafen. Auf dem Flug von Düsseldorf nach Zürich verpasst man nicht viel. Erst steigt das Flugzeug, dann ist es auf Flughöhe, die Flugbegleiter verteilen eilig schlecht schmeckende Gratisbrötchen und Getränke und noch vor dem letzten Bissen geht es schon wieder in den Sinkflug. Man verpasst nichts. Der Ausblick ist stets der gleiche, hauptsächlich sehr viel Himmel. Ich weiß noch, wie ich auf meinen ersten Flügen gespannt und fasziniert am Fenster klebte, diesen wohligen Grusel verspürend, das mich nur eine dünne Blechwand von diesem endlosen Sturz in die Tiefe trennte, die Wolken unter sich betrachtend, den Himmel, der sich wie ein auf dem Kopf stehender Ozean überall hin erstreckt oder die Tragflächen beobachtend, wie sie sich hin und wieder bogen und man sich fragte, ob jeden Moment der Augenblick kommen würde, an dem sich die Theorie von Geschwindigkeit und Auftrieb als haltlos erweisen könnte und man wie ein Stein zu Boden stürzen würde. Früher fand ich das faszinierend. Erstaunlich, wie schnell sich der Mensch an das Faszinierende gewöhnen und es zur Normalität herunterdegradieren kann. Ich vermisse diese Faszination, aber sie lässt sich nicht gewollt und künstlich wiedererwecken. Sie ist fort, nur noch eine Erinnerung. Als Musiker fliege ich viel. Es gehört zum Beruf. Wir haben uns gestritten und ich war regelrecht froh, das ich am nächsten Tag weg konnte. So weit wie möglich weg vom Ground Zero unseres Streites. Weg von dir. Ich gehe durch die Gangway und in den Züricher Flughafen hinein. Vor einer Fensterscheibe bleibe ich stehen und starre stumm auf das Rollfeld hinaus. Abstand gewinnen. 650 Kilometer sollten reichen, hatte ich gedacht, doch die Strahlung unserer Explosion erreicht mich immer noch. Ich presse den kleinen Instrumentenkoffer mit meiner Klarinette darin an meine Brust. Das Atmen fällt mir schwer.

Airport_Zurich

pic: Kim.eichenberger / Wikimedia commons

Ich gelte als Koryphäe auf der Klarinette. Zum Genie hat es nicht gereicht ebenso wenig zum Wunderkind. Aber ich komme zurecht und ich komme herum. Ganz Europa, hin und wieder Japan. Einmal Südamerika. Heute Zürich. Mal wieder. Ich spiele gerne hier. Mit dem Ensemble bin ich vertraut, es genügt, wenn wir nachmittags noch einmal generalproben, mehr ist nicht vonnöten, wir sind gut eingespielt. Das Konzert ist ausverkauft, wir spielen ein Potpourri jazzig bearbeiteter Klassikstücke. Ich habe mehrere Soli, wir werden beklatscht, verneigen uns artig, der Vorhang schließt sich. Zufrieden bin ich nicht mit mir. Verspielt habe ich mich nicht, aber das war nur Abliefern, nicht Fühlen. Musik ohne Gefühl ist wie kaltes Fleisch. Ich habe mich wie ein Fremdkörper auf der Bühne gefühlt und will nur noch weg, aber ich muss noch geschüttelte Hände, leidenschaftslose Huldigungen und formelles Lob und Sektchen hier, Sektchen da über mich ergehen lassen. Das gehört zum Job, wenn man weiter engagiert werden will. Netzwerken. Im Netz gefangen sein. Ich will nur noch ins Hotel. Ich hätte Klarinettenlehrer werden sollen, so wie Thomas, mein Mentor. Er war begnadet an dem Blasinstrument, sein Spiel konnte den Zuhörer zu Tränen rühren oder zum Tanzen verführen, manchmal zugleich. Doch er wollte nicht auf die Bühne, wollte sich nicht an das Publikum verfüttern für Applaus und hohles Lob. Er war glücklich damit zu lehren. Ich war sein Schüler und sein Bewunderer. Sechszehn Jahre unterrichtete er mich und ich lernte das Spiel und ich lernte ihn zu lieben wie einen zweiten Vater, bis er mich eines Tages ansah, als ich ihm eine Eigenkomposition vorspielte und er mit leiser Stimme sagte: „Das war’s. Ich kann dir nun nichts mehr beibringen. Verschwinde und komm nicht wieder.“ Er sagte dies nicht böse oder gemein, sondern voller Stolz und mit Melancholie. Ich ging und nahm nie wieder Unterricht bei ihm. Hin und wieder trafen wir uns und spielten Duette nur für uns und mit Freude bemerkte er, das ich ihn übertraf. Dann wurde er von einem zurücksetzenden Bus übersehen und überrollt. Zu seiner Beerdigung ging ich nicht, das hätte ich nicht ertragen. Irgendwann habe ich sein Grab besucht, du warst dabei an meiner Seite. Sonst hätte ich es wohl nicht geschafft. Die Stätte war erschreckend schlicht. Kein Bild, kein Wort kündete davon welches Genie hier lag, welch wunderbare musikalische Seele verloren war. Nur Name und Daten und polierter Marmor, der wie ein dunkler wuchtiger Grenzstein die Linie zum Verlust markierte.

Ich bin endlich im Hotel. In der Stille des Zimmers stehe ich an einem kleinen Schreibtisch. Vor mir mein geöffneter Klarinettenkoffer. Sanft streiche ich mit meinen Fingerkuppen über das auseinandergebaute Instrument, jeder der fünf Teile sorgsam in rotem Samt eingebettet. Ein teures Instrument, meinen Bedürfnissen angepasst, Blatt, Mundstück, Klappen, einmalig und mir verbunden wie ein Teil meines Körpers. Und jetzt harmonieren wir nicht mehr. Ich kann sie spielen, aber ich kann ihr nur Töne in der richtigen Reihenfolge, aber keine Musik mehr entlocken. Musik braucht Seele, aber meine ist gestern verbrannt. Ich schließe das Köfferchen und wieder bekomme ich Atemnot. Was, wenn ich sie nie wieder spielen kann? Wenn ich meine Gabe vollends verloren habe? Ich muss raus.

Die Nacht ist schön. Ein klarer Himmel spannt sich über die Stadt. Ich bleibe auf einer steinernen Brücke stehen. Der Fluss unter mir wirkt wie ein Spiegelbild des Himmels über mir. Schwarz. Unendlich. Was ich zu dir gesagt habe tut mir unendlich leid. Was du zu mir gesagt hast tut mir unendlich weh. Es gab eine Detonation und nun ist es vorbei. Wir haben es nicht ausgesprochen, du bist einfach gegangen. Kein Wort mehr nach zu vielen gesagten Worten. Kein Abschied. Ich klettere auf die Brüstung, sehe hinab ins Dunkel. Der Rest ist fallen lassen. Das Flugzeug stürzt ab. Mein Inneres scheint nach oben zu drängen, der Wind reißt an mir. Dann ein harter Aufprall auf sonst so weich scheinendem Wasser. Er raubt mir beinahe die Besinnung. Das Eintauchen, Kälte schlägt auf mich ein, tosender Lärm in meinen Ohren und Dunkelheit. Dann Schweben, einen Moment lang das Gefühl völliger Schwerelosigkeit. Die Strömung erfasst mich, zerrt mich weg, wirbelt mich umher. Keine Ahnung, wo oben oder unten ist, ich strampele und unterdrücke mühsam den Drang zu schreien. Im Schwarz des Dunkels stoße ich an etwas und grausam drängt sich mir der Gedanke auf, das dies der Grund des Flusses sein muss und mir wird klar das ich sterben werde. Das ich nicht sterben will. Mein rechter Arm bewegt sich plötzlich mit einer Leichtigkeit, die dem Rest meines Körpers nicht vergönnt ist. Er bewegt sich in Luft. Ich zwinge meinen Kopf ihm nach, durchstoße die Oberfläche und ringe nach Atem. Vor mir ragt dunkel eine Ufermauer empor, an der mich die Strömung entlangtreibt. Ich sehe eine Trittleiter nahen und greife nach ihr, ziehe mich hoch, röchele, kämpfe, klettere. Ich ziehe mich auf die rettende Mauer und liege nass und halb tot auf Asphalt und es fühlt sich an wie das komfortabelste Bett. Ich weine. Ich will nicht leben ohne dich. Und ich will nicht sterben. Wo soll ich hin?

Airport_Zurich_Hall

pic: Kim.eichenberger / Wikimedia commons

Ich erwache, als das Flugzeug in Düsseldorf auf der Landebahn aufsetzt. Ich bin wieder eingeschlafen. Ich bin zurück. In einem Leben, das ich von nun an ohne dich führen soll. Ein verheertes Leben, zerstört und verstrahlt. Ich wäre noch gerne etwas länger in Zürich geblieben, ein paar Tage. Vielleicht für immer. Doch der Flug war gebucht, das hattest du für mich vor Wochen erledigt und der nächste Auftritt ist arrangiert. Gefangen im Netz. Ich warte, bis fast alle anderen Passagiere die Maschine verlassen haben, dann folge ich ihnen. Hohl klingen meine Schritte in der Gangway. Hohl wie ich mich fühle. Ich trete in die Empfangshalle. Dort stehst du. Du siehst mich an. Traurig. Verloren. Ich gehe zu dir, langsam und unsicher. Wir stehen voreinander. Sprachlos. Wortlos. Schließen uns in die Arme. Fest und sehr lange. Wir stehen dort, ineinander vergraben, halten uns wie Ertrinkende. Um uns herum Menschen, die warten oder in Bewegung sind, wenige gemächlich, die anderen gehetzt und gestresst. Manch einer freut sich auf den Kurzurlaub auf einer Insel, wo gefeiert wird, andere auf erholsame Ferien oder eine Entdeckungsreise. Viele sind auf Geschäftsreise, einem Kurztrip oder auf dem Weg in ein neues Leben. Die einen sind ein paar Tage fort, andere Wochen, Monate oder Jahre. Und ein paar kehren nie wieder zurück.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s