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Auf’s Maul

Ich ließ mich einmal mehr in einem Verkehrmittel durch die Gegend bewegen, das als „öffentlich“ deklariert wird, was bei der Mehrheit der Bevölkerung zu dem Missverständnis führt, dass man Telefongespräche, Liebesbezeugungen verbaler und körperlicher Natur, Bürogeheimnisse, Streitereien, Körpergerüche, Bildungsmangel und Verdauungsnebenprodukte möglichst öffentlich zu verbreiten hat. So wurde ich Zeuge einer Unterhaltung zwischen zwei juvenilen Hoffnungsträgern des Sozialhilfeamts. Die Diskussion drehte sich um den aufsteigenden Stern deutschsprachiger urbaner Poesie Aykut Anhan besser bekannt unter seinem nome de plume „Haftbefehl“ und ob dieser nun ein ganzer Kerl krimineller Natur oder doch eher etwas sei, mit dem man im Englischen wahlweise eine Katze oder das weibliche primäre Sexualmerkmal bezeichnet. Der Disput eskalierte in Intensität und Lautstärke und gipfelte in der Ankündigung des einen: „Ey, ich schlag dich bis du blutest, Alter.“, was der zweite konterte mit: „Ey Wichser, ich ermorde dich bis du stirbst. Schwöre.“ So reizend diese Ausbrüche waren, blieb es dennoch dabei und beide konzentrierten sich wieder darauf an ihren Smartphones herumzudaddeln, vermutlich um weitergehend zu recherchieren oder andere Freunde der modernen Dichtung zu konsultieren. Mir hingegen kam in den Sinn wie sinnlos ich Gewalt finde, dabei aber zutiefst unterhaltsam, solange ich mich als Beobachter geriere kann.
Ich bin zum Beispiel ein großer Freund des Wrestlings, jener Veranstaltungsart, die man in eine Reihe mit Oper, Ballet, Kunstaustellungen oder Zuchtrosenprämierungen stellen könnte, wenn es nicht was ganz anderes wäre. Ich mag es einfach dabei zuzusehen, wie sich Männer in merkwürdigen Klamotten oder Badehosen gegenseitig auf die Mütze hauen. Da können Spaßblockierer rumkrähen, wie sie wollen, dass die Kämpfe bis ins kleinste Detail abgesprochen sind. Würde man diesem Argument folgen, dann könnte man sich auch Actionfilme, Synchronschwimmen oder die Frankfurter Börse kneifen. Selbstverständlich ist das Ganze nur Show, aber Wrestler spielen mit einem deutlich höheren Einsatz als der handelsübliche Theaterschauspieler, der, wenn er mal irgendwo runterplumpst sicher sein kann weich auf einer versteckten Matte zu landen, sofern er nicht am Abend zuvor auf die Frau des Bühnenbildners geplumpst ist oder andere Mitglieder des Ensembles nachhaltig verärgert hat. Wrestler plumpsen sehr oft. Und nur in den seltensten Fällen landen sie dabei auf weichen Matten. Sie klatschen auf andere Ensemblemitglieder, Stühle, Tische, Stahlplatten, Lampen, Mülleimer oder handelsüblichen harten Boden. Danach krümmen sie sich und sind vor Pein ganz traurig und das kann ja echt nicht gut für den Rücken sein oder den Bauch oder das Gesicht, je nachdem mit welchen Körperteil sie ihren Sturz abgefangen haben. Und eigentlich sollte man sich darüber nicht freuen, aber da ich weiß, das man Wrestlern bei ihrem Engagment nicht unbedingt vorgaukelt hat auf einer Zuchtanlage für Wattebäuschen und Eichhörnchenpuschel anzuheuern kann ich nicht umhin, mir mit Begeistertung anzusehen wie sich antun was sie sich antun. Immerhin trainieren sie tagein tagaus das Plumpsen, das Getreten- und Gehauen- und durch irgendwelche Dinge hindurchgeworfen werden, dann wird das wohl nicht ganz so wild sein. Nicht so gerne mag ich Ultimate fighting, immerhin hauen sich die ultimativ Kämpfend in vollem Ernst auf den Schädel und sämtlich andere Körperregionen. Da kann ich mir genausogut einen Tag Hauptschule angucken. Das ist nicht schön.
Die Faszination der Gewalt ist den Menschen in die evolutionäre Wiege gelegt scheint es. Seit es Hierarchien und monetäre Überlegenheit gibt haben sich Betuchte und Beadelte daran ergötzt wie Sklaven, arme Bodybuilder und Harz römisch IV-Empfänger gegenseitig sich zum Amusment ihrer Herrchen eins auf die Mappe gehauen haben. Dabei wurde auch schon mal gerne in Kauf genommen, dass einer, wie man so schön sagt, liegen blieb. Denn auch wenn man sonst nix hatte, Menschenrechte, Freiheit, Bildung, ausreichend Nahrung für alle oder W-Lan für alle, so gab es an Menschenmaterial noch nie einen großen Mangel. Und selbst wenn man die AgBs vorm Häkchen machen tatsächlich durchgelesen hatte und dem Sklavenstatus entrann, gab es genug Dumpfbirnen und Verzweifelte, die sich mehr oder weniger freiwillig in Arenen und auf Bühnen verdreschen, würgen, herumwerfen und aufs Unappetitlichste zerstückeln ließen für die Aussicht auf eine besseres Leben. Und wenn man das Rentenalter trotz Gehaue erreichte und im biblischen Alter von sagenwirmal 27 Jahren seine eigene kleine Villa auf einem der Hügel Roms sein eigen nennen konnte musste man die köstliche Schnabeltierleberpastete mit in Rosmarin gegarten Froschhoden durch einen Strohhalm schlürfen weil man seine Zähne und die Gesundheit im Dreck der Arena zurückließ. Von Showkampf haben seit jeher nur die Zuschauer was, die Kämpfer selbst enden entweder frühzeitig in der Zinkwanne, im Rollstuhl oder als brabbelndes sabberndes menschliches Gemüse mit Matschhirn auf dem Rednerpult einer AfD-Kundgebung.
Warum sind wir so? Warum finden wir es gut, zwei Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich einen geben, bis der andere nicht mehr steht? Warum hofft man insgeheim beim Rugby auf gebrochene Knochen? Warum finden wir es lustig, wenn im Film jemandem herzhaft in die Familienplanung gegrätscht wird? Es ist vermutlich die reinste, nämlich die Schadenfreude. Wenn tags zuvor ein Flugzeug abgestürzt ist, betreten wir deutlich beruhigter die Boeing 747, denn die Statistik ist dann auf unserer Seite. Was du nicht willst, was man dir tut, das soll gefälligst jemand anderem zugefügt werden. Das ist widerwärtig, niederträchtig und im negativsten Sinne menschlich. Und es macht viel zu viel Spaß. Was wäre ein Horrorfilm ohne anständiges Metzeln? Eine Sportreportage über Leute die wegrennen und dabei permanent schreien und hinfallen. Was wäre Rocky ohne Finalfight? Eine kleiner Italiener mit Liebeskummer und einer Wut auf Schweinehälften. Was wären Bud Spencer und Terence Hill-Filme, in denen es nicht gepflegt eins auf die Glocke gibt? Eine deutsche Kinokomödie und die werden bekanntlich nur gedreht, damit die Leute von der Filmförderung was zu tun haben und nicht aus Versehen Geld für gute Filme mit Inhalt verplempern.
Während ich so für mich hinsinnierte habe ich wohl etwas zu lange in Richtung der beiden Hafti-Homies gestarrt, denn der eine schaute nun von seiner Smartphone-Recherche auf und sprach mich an: „Ey, was glotzt du? Auf’s Maul?“ Ich seufzte, denn er hatte mich aus meinem Gedankenstrom gerissen, in dem ich die letzten Minuten wohlig maunzend geschwommen bin und so was nervt hart. Einen Moment überlegte ich, ob ich mal die furiosen Moves meines Lieblingswrestler Undertaker an ihm austesten sollte, aber mir war grad nicht so nach körperlicher Ertüchtigung mit folgender potenzieller Strafverfolgung oder alternativ Versehrung meiner eigenen Gesundheit, also zeigte ich nur auf den Kumpan des Gewaltbereiten und sprach die magischen Worte: „Der hat gesagt Haftbefehl ist schwul.“ Und während ich trotz mangelnden Adels oder Moneten meinen beiden Gangsta-Gladiatoren beim physischen Eskalieren zusah, dachte ich, dass es mal wieder Zeit wäre zu Hause ein bisschen auf der Couch zu lümmeln und Wrestling zu gucken. In Ruhe und Frieden.

(c) Micha-El Goehre 2016

Beitragsbild: Der Fotowikinger, wenn mich nicht alles täuscht. Mit im Bild: Jay Nightwind und es ist alles gar nicht so wild, wie es aussieht. Trotzdem n schönes Foto.

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Ein Kommentar zu “Auf’s Maul

  1. Um es mal im juvenilen Fachjargon auszudrücken: „Scheiße ist das geil Alter“.
    Zwar einmal einen Wortdoppler und ein paar Absätze zu wenig, was die Lesbarkeit einschränkt, aber trotzdem noch überaus gelungen. Ich bedanke mich.

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