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…Jahr 2022…die Bier wollen

Am 14.1. war ich zu Gast beim 1.Bierslam im Dortmunder „U“. Erstaunlich genug, dass ich noch keinen Text zum Thema parat hatte, ich tat mich dann auch noch ziemlich schwer, mir was aus den Hirnwindungen zu pressen. Auf dem letzten Meter hat’s dann doch noch geklappt. Viel Spaß mit der Story. Foto Doppelmicha: Tobias Heyel.

Es ist Dezember, wir schreiben das Jahr 2022 und natürlich hätte man auch vorher mal dran denken sollen. Fußball-WM und Weihnachtszeit fallen zusammen, das konnte nur im Desaster enden. Und damit meine ich jetzt nicht diese unseligen Fan-Märkte oder Weihnachts-Meilen oder wie immer man diese seltsamen Ansammlungen von Ständen nennen soll, die einerseits „traditionell“ aus spanplattigen Hütten- und Fachwerkimitationen bestehen, die allesamt aus dem Schlußverkauf ein und der selben Resterampe zu stammen scheinen, die aber nicht wie sonst lustig durcheinander stehen, um einmal eingefangene Glühweinverkoster mit weihnachtlichem Schnickschnackschuck wie Christbaumkugel, Topflappen und Didgeridoos zu versorgen. Statt dessen sind die Buden dieses Jahr allerorten an einer einzigen großen Gasse angeordnet, die ausgerichtet ist auf einen riesigen Bildschirm, vor den sich sich bibbernde Massen zusammenrotten, um ein paar ballspielenden Millionären beim Schwitzen in Katar zuzuschauen. Natürlich würden einige betuchtere Fußifans eigentlich viel lieber live vor Ort mitschwitzen, aber seit dort die Gesetze verschärft wurden und einige antiislamische Vergehen wie Geschlechtsverkehr generell und überhaupt, weiße Tennissocken und Naseputzen in der Öffentlichkeit mit dreifach Rübe ab bestraft werden, friert man sich lieber daheim den Hintern beim Public viewing ab. Erst einen Tag zuvor hatte man die schottische Mannschaft kollektiv enthaupet, weil ihre Kilts irgendwie homosexuell aussahen. Und so muss man sich mit Schlittenkorsos, Weihnachtsengeln mit deutschlandfahnenfarbenen Perücken und Nikoläusen mit Vuvuzela und Bengalos arrangieren. Das wäre ja schon schlimm genug. Aber die Idioten haben nicht dran gedacht. Weihnachten und WM, das konnte nicht gut gehen. Und jetzt ist es passiert. Das Land ist am Ende. Die Moral dahin.

Das Bier ist alle.

Komplett und überall. Der letzte Zapfhahn war laut Tagesschau vor wenigen Stunden in einer Kneipe in Schwaben versiegt. Die Kneipe hatte nur so lange durchgehalten weil der Wirt schon vor Wochen auf o,1-Liter-Gläser umgestiegen ist, die er zum Preis von 0,5 verkaufte. Die letzte Trinkhalle hatte vor drei Tagen in Dortmund geschlossen, danach mussten über vierzig Senioren wegen Schocks und Unterhopfung akut notärztlich behandelt werden. Der letzte Kasten Bier war letzte Woche via ebay versteigert worden. Der Anbieter wollte sich von dem Erlös eine Jacht kaufen, erhängte sich dann aber an der Ankerkette, weil Segeln ohne Bier voll nicht bockt. „Sail away, dream your dream“ am Arsch. Gerüchte, die Brauereien würden Biervorräte zurückhalten, um diese mit maximalen Gewinn zu verkaufen sorgten für Belagerungszustände wie in Dawn of the dead, was die Brauereibesitzer zum Anlass nahmen Bewacher zu rekrutieren aus Beständen des IS, der sich aufgelöst hatte, nachdem die Radikalinskis gemerkt hatten, dass es irgendwie auch blöd ist, wenn wirklich keiner einen mehr lieb hat. Aber es ist nicht zu leugnen, das Bier ist alle, WM und Weihnachten gleichzeitig, dass musste doch so kommen.

Hopfen wird inzwischen ebenso teuer gehandelt wie Gold, Uran oder das iPhone 9. Für ein paar Kilo Gerste bot man bereits Diamanten, Grundbesitz, das Bernsteinzimmer oder die Seele von Angela Merkel, aber auf letzteres fällt keiner rein. Die Verzweiflung hat um sich gegriffen. Man sieht Familienväter, die sich über Kneipentresen stürzen um das Abwaschwasser zu trinken, Literaturprofessoren lutschen sehnsüchtig an alten Bierdeckeln und Investmentbanker knieen vor Bahnhöfen und lecken wohlig grunzend die Gehwegplatten ab, auf denen sonst Punks und Penner hockten und Hansapils verkleckert hatten. Das Wacken open air 2023 hat man abgesagt, weil sowieso nicht genug Gäste kommen würden, nachdem die Selbstmordquote unter Metalfans auf über 90 % gestiegen war. Düsseldorf hat die Altstadt dichtgemacht, die Reeperbahn ist verwaist, weil nur Bumsen auf Dauer auch nicht erfüllend ist. Diverse Fernsehsender haben Konkurs angemeldet, weil sich den Scheiß keiner nüchtern reinziehen mag.
Das Bier ist alle. Wir sind am Arsch.

Ich sehe über den Weihnachtsfußballfanmeilenmarkt. Brabbelnd und sabbernd torkeln die Menschen umher, aber nicht aus Trunkenheit, sondern aus schierer Verzweiflung und Ernüchterung. Alles hat man getrunken, Glühbier, Schlürschluckreste, abgelaufene Ware, ja sogar Becks Gold, aber nun gibt es nichts mehr. Es ist vorbei. Nicht Überfremdung galt es zu fürchten, keine Reaktorkernschmelze und keine weitere Staffel Dschungelcamp. Es war das Zusammentreffen von Pest und Cholera, von Erdbeben und Tsunami, von Dünnschiß und Kotzkrampf. Weihnachten und WM. Sie hätten es kommen sehen müssen. Aber niemand hat etwas getan. Nicht die Regierung. Nicht die Wirtschaft. Nicht die Wirtschaften. Das Bier ist alle.

Ich beobachte eine Truppe niedergeschlagener niederländischer Fußballfans in ihren knallorangen Outfits, die sie mit ebenso orangen Nikolausbommelmützen aufgepeppt habe. Ich weiß nicht, was sie so traurig macht, ob es die Bierflaute ist oder die Tatsache, dass sie nicht mehr bei der WM dabei sind, weil ihr Land nun gute zehn Meter unter der Oberfläche der Nordsee liegt und die Niederlande sportlich nur noch was beim Wasserball und Synchronschwimmen reißen. Wie gerne würde ich ihnen jetzt eine tröstende Dose Bier reichen. Seit Holland überschwemmt wurde, kommen die Deutschen ziemlich prima mit ihren ehemaligen Nachbarn zurecht, da ist man ganz Mensch.
Der große Bildschirm flackert und zwei sprachlich talentbefreite Ex-Fußballer in schlecht sitzenden Anzügen verkünden den Beginn des Viertelfinales mit deutscher Beteiligung. Ein bärtiger Schwarz-Rot-Rauschgoldengel wankt schlurfend an mir vorbei und trötet lustlos in seine Plastikvuvuzela. Ich kann ihn und seinen Zustand verstehen. Sehnsüchtig rieche ich an meinem Hefeweizen-Duftbaum, den ein ich vor ein paar Stunden gegen meine Wohnungsschlüssel getauscht habe und lecke ein wenig daran, bevor ich ihn sorgsam wieder in meiner Jacke verstaue und das Treiben betrachte. Zäh füllt sich der Platz. Es kommt keine Stimmung auf, die Vorstellung der Spieler und das Singen der Nationalhymne sorgen für ähnlichen Enthusiasmus wie ein Vortrag über eigenständiges Denken auf einem NPD-Parteitag. Traurig starren die Fans auf ihre Becher. Einige haben sich mit Apfelsaft versorgt, um zumindest optisch die Illusion von Bier zu erwecken. Jemand reicht eine Flasche Duschdas herum. Ein, zwei Spritzer und etwas rühren, schon hat man eine einigermassen authentische Schaumkrone. Dann kommt der Werbeclip des Hauptsponsors. Krombacher. Auf dem Screen ist ein riesiges Glas zu sehen, in dass sich in Zeitlupe köstliches gelbes nass mit schaumigem Haupt ergießt. Oh scheiße, denke ich. Einen Moment ist es still. Dann bricht das Chaos los. Hunderte Deutschlandfans auf Bierentzug stürmen auf die Leinwand los, es kommt zu Schlägereien und Amokläufen. Bengalos und Weihnachtsmarkthütten werden entzündet und alles versinkt augenblicklich in Aufstand, Anarchie und Chaos. Der Pulk rast auf mich zu. Das Bier ist alle, jetzt wollen sie Blut sehen. Mein Blut.

Ich wache auf. Natürlich, das passiert bei solchen Geschichten doch immer. Ich reibe mir die Augen und schaue auf den Kalender. 2016 steht da. Noch sechs Jahre. Weihnachten und WM. Sie sollten es besser wissen. Ich mache meine To do-Liste für den Tag. Keller leerräumen. Konto auflösen. Getränkemarkt. Weihnachten und WM. Nicht mir mir, Freunde, denke ich und lache irre. Ich weiß Bescheid. Ich bin vorbereitet.

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