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Kleine Gemeinheiten #001: Papier

papierDie Tasche ist schwer. Ich hätte einen Rucksack nehmen sollen oder einen Koffer. Statt dessen ist es eine Sporttasche. Leider nicht die Variante, die man sich auf den Rücken schnallen kann, sondern ein einfaches Modell, das man entweder an kurzen Henkeln hält oder sich mit einem langen schmalen Gurt über die Schulter hängt, der sich in die Haut eingräbt und die Blutzirkulation abschnürt. Kein Problem, wenn man nur ein Paar Sportschuhe, Badezeug oder Sportklamotten, Duschgel und ein Handtuch dabei hat, wofür diese nun mal auch konzipiert sind. Diese hier ist voller Papier und ich wechsle zum x-ten Mal die Tragehand. Papier ist heimtückisch, leicht und unscheinbar, wenn es einzeln daherkommt, kompakt und schwergewichtig im Rudel. Und ich habe eine ganze Menge davon in meiner Tasche. Meine Unterarme schmerzen schon, ein weiteres Indiz dafür, dass ich die Sporttasche nicht habe, um sie in ihrem ursprünglichen Sinne zu nutzen. Ich bin kein Freund körperlicher Ertüchtigung. Zumal die Sonne scheint und ich viel zu dicke Kleidung anhabe. Ich stelle die Tasche ab, um zu verschnaufen. Tief atme ich durch. Nur noch ein paar Strassenzüge, dann bin ich zuhause. Genug geschleppt für heute. Es scheppert laut und ich sehe in die Richtung der Geräuschquelle. Ein Kleinwagen und ein anderer haben sich geküsst. Eingedrücktes Blech und wild gestikulierende und sich empörende Fahrer. Strassentheater. Ich betrachte es ein paar Augenblicke, dann ist es Zeit, sich wieder auf den Weg zu machen. Ich greife nach der Tasche, doch sie ist weg. Eis gefriert in meinen Adern. Die Tasche ist weg. Ich sehe hoch und einen jungen Mann mit meiner Tasche. Er versucht wegzurennen, hat aber bei seinem spontanen Diebstahl nicht damit gerechnet, dass seine Beute so schwer sein könnte. Ich überlege, ihm hinterherzurennen, mit der Last sollte es nicht schwer sein, ihn einzuholen und ihm die Scheiße rauszuprügeln, doch mir ist, wie bereits erwähnt, körperliche Ertüchtigung zuwider. Also rufe ich statt dessen: „Da sind Bücher drin. Nur Bücher.“ Der Dieb bleibt unvermittelt stehen, ich kann auch aus der Entfernung sehen, dass er schon schwer atmet. Unschlüssig sieht er auf die Tasche. Dann lässt er sie fallen und rennt ohne Beute weiter. „Idiot“, denke ich. Ich werde ihm nicht folgen, ich habe auch kein Interesse, die Polizei zu rufen. Immerhin hat er mir etwa hundert Meter meines Weges abgenommen. Ich gehe zu meiner Tasche und hebe sie ächzend auf und gehe nach Hause. Ich bin froh, in das kühle Halbdunkel meines Hauses einzutreten. Ich lasse die Tasche auf den Küchentisch fallen. Verdammtes Papier. Ich mache sie auf und sehe hinein. Wenn man sich auf eines verlassen kann, dann sind das verängstigte Eltern, die ihre kleine Tochter lebend wiedersehen möchten. Eine Million in kleinen Scheinen, nicht markiert. Hervorragend. Ich betrachte noch eine Weile die mit Geld gefüllte Tasche und denke an den Strassenräuber. „Idiot“, sage ich in die Stille. Dann gehe ich in den Keller. Zeit, meine Geisel frei zu lassen.

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