Gedankenstrom

Lesetipp: Nils Straatmann – Wo die Kartoffeln auf Bäumen wachsen

Wo die Kartoffeln auf Bäumen wachsenIch bin in meinem Leben noch nicht weit rumgekommen. Die exotischsten Länder waren Luxemburg, die DDR und das war es dann auch. Weiter als bis Barcelona bin ich nicht gekommen. Das liegt einerseits an meiner Aversion gegen große Achtbeiner, die gen Süden immer häufiger vorkommen, als auch an chronischem Geldmangel. Zumal ich Kurzurlaube doof finde. Ich lerne gerne das Land richtig kennen, seine Kultur, seine Vergangenheit und manchmal auch die Leute.
Für solche wie mich gibt es Reiseliteratur. Das erste Mal bin ich per Grabbeltisch damit in Kontakt gekommen, als ich mir Helge Timmerbergs „Der Jesus vom Sexshop“ als Zuglektüre gekauft hatte. Fand ich gut, das war ein Genre, das mir zusagte. Daher war ich natürlich gespannt, was dabei rauskommt, wenn ein Slammerkollege von seiner Reise berichtet. Bleu Broode alias Nils Stratmann folgte dem Beispiel seines zur See fahrenden Großvaters und buchte sich einen Segeltörn durch die Karibik.
Das klingt zunächst wenig berichtenswert und schon gar nicht berichtenswert, allerdings hat sich Nils nicht auf einem hübschen Sportkatamaran mit Butler eingemietet, sondern auf einem alten Kahn mit dem sympathischen Namen „Stahlratte“. Und dort schlürft man keinen Cuba libre auf dem Sonnendeck, wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck und lässt sich vom Steward Luft zufächeln, sondern man gehört zur Mannschaft. Das heißt vom ersten Tag an mitanpacken, Verantwortung übernehmen, Teamgeist zeigen. Das dies für einen Jungen von der Küste, der aber trotzdem eher in die Kategorie „Landratte“ zu zählen ist, keine einfache Herausforderung darstellt, macht den Hauptanteil an „Wo die Kartoffeln auf Bäumen wachsen“ aus. Schwielen, Sonnenbrand, Frustration, Verletzungen und das Gefühl, irgendwie doof und unnütz im Weg rumzustehen plagen Nils in den ersten Wochen. Andererseits erlebt er Teamgeist, ausgelassene Feiern, herrlich verrückte Typen und wunderschöne Insel- und Wasserwelten und das auf-sich-selbst-zurückgeworfen-Sein an Bord eines Schiffes. Nils reflektiert viel über sich und seine Familiengeschichte und wie man als soziale Gruppe funktioniert.
Das liest sich alles gut weg, nur manchmal neigt der Autor zur Blumigkeit („Wenn die Luft salzig ist, schmeckt der Regen süß auf den Lippen.“) oder gerät in einen Poetry slam-Duktus, was im Rahmen eines solchen Buches seltsam wirkt. Andererseits lernt man was eine Karbunkel ist und das einem bei der nüchtern beschriebenen Eigenoperation auch als Splatterfilmfan kräftig anders werden kann.
Die Krux an einer Tatsachenbeschreibung ist, dass man die Handlung nicht bestimmen kann. Einen richtigen Höhepunkt gibt es nicht, keine große Katastrophe, die Liebesgeschichte sitzt zu Hause und telefoniert ab und zu. Im Wasser dümpeln mal Drogenpakete, ansonsten wird geschwitzt, gefeiert und gereihert, gestritten und versöhnt, verladen, geflext, geschmiert und gesegelt bei Sturm und Sonnenschein. Was eben auf so einer Reise passiert. Wer das ganz große Drama braucht, ist bei diesem Buch falsch. Wer sich allerdings für eine etwas andere Art von Reisen interessiert und was das alles für Schwierigkeiten, aber auch Spaß und Erlebnisse mit sich bringt kann bei diesem Bericht über 113 Tage in der Karibik zugreifen.

Nils Straatmann – Wo die Kartoffeln auf Bäumen wachsen

113 Tage als Matrose in der Karibik

Erschienen am 30.03.2015 im Malik Verlag
288 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-89029-455-1
€ 14,99

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