Texte

Lesebühne 3000

Der folgende Text ist für einen Science fiction-Poetry slam in Hannover entstanden. Die Überlegung dahinter war, wie ein typischer Lesebühnentext in 1000 Jahren klingen könnte.

tilt mirror

Ich wache auf. Es klingelt an der Luftschleuse. „Scheiße“, denke ich und gucke auf den Wecker. Sternzeit 3026,76 steht da. Und ich wollte doch durchschlafen bis 3026,79. Es klingelt erneut. Ich schlurfe zur Schleuse und öffne sie. Zwei Typen in der Kluft der Wirklich Allerletzten Zeugen grinsen mich debil an. Sie sind die letzte Sekte im Universum, aber sie weigern sich beharrlich einzusehen, das Religion keinen mehr juckt. Zumindest in der Hinsicht haben sich die Verhältnisse gebessert. „Hallo“, säuselt der eine los. „Wir kommen von der hyperholy Curch of the last command of fuck-you-that’s-why und wir würden gerne mit ihnen fünf Minuten über den King sprechen!“ Sie wippen aufgeregt und ihre Hälse wackeln die Kruzifixe mit ihrem Erlöser in hüftschwingender Pose.
„Elvis Presley ist ein Mythos“, sage ich und knalle die Luftschleuse zu. Durch das Glas kann ich beobachten, wie die beiden enttäuscht wieder ihre Helme aufsetzen, ihre Seite der Schleuse öffnen und zu ihrem rosa Weltraum-Cadillac zurückschweben. Ihre straßbesetzten Kragen sind hochgeklappt und glitzern im Licht der Zwillingssonnen. Idioten, denke ich, jeden Tag beten sie sechs Mal in die Richtung, in der sie die Graceland-Galaxie vermuten und bitten um die Wiederwiederauferstehung von Elvis. Dabei weiß jeder und damit meine ich die Wikicloud, das Elvis Presley eine Figur in einem Anime aus dem mittleren 21.Jahrhundert war. „Total albern und lächerlich“, murmele ich und mein implantierten Katzenschnurrhaare zucken verächtlich. Implantierte Tierhaare sind zwar totaler Hipsterkram, aber ohne braucht man sich auf dem Prenzlauer Planeten gar nicht erst blicken lassen.
Ich stöhne und überlege, ob ich mich wieder schlafen lege, aber wenn ich schon mal wach bin… Ich gehe in die Küche und ordere vom System einen Kaffee. Sofort erscheint im Maker ein viereckiges Stück weißes Papier. Ich lege das Paper auf meine Zunge und sofort füllt sich mein Mund mit leckerem Kaffee Latte Caramel Litschi. Ich will es mir gerade gemütlich machen, da werde ich schon wieder gestört.
Mein iRoom klingelt. Ich gehe rüber in das größte Zimmer meiner Wohnung, um zu gucken, wer anruft. Witzig, wenn man bedenkt, das die Leute früher ihre Smartphones mit sich rumgeschleppt haben. Wie umständlich und primitiv. Wo haben die denn bitteschön ihre ganzen Apps untergebracht? Aber inzwischen sind wir klüger. Wir wohnen jetzt in unseren Telefonen. Ich betrachte die Wände um mich herum mit all den kleinen App-Symbolen. Verflucht, wo war jetzt noch gleich die verkackte Telefonfunktion? Ganz links oben entdecke ich sie und zwinkere ihr zu. Sie öffnet sich und zeigt den Anrufer an: „Mama“. Der Upload meiner Mutter, na toll. „Annehmen“, sage ich und: „Hallo Mama.“
Die grafische Darstellung meiner Mutter zum Zeitpunkt ihres Todes erscheint in UMHSDASWVHDTV (Ultramegahypersuperduperabersowasvon-HDTV). „Wie geht’s meinen Knuffelpuffel?“ Sie ist jetzt schon dreißig Jahre tot, aber sie kann es sich immer noch nicht abgewöhnen, mich „Knuffelpuffel“ zu nennen, obwohl sie genau weiß, wie sehr ich das hasse. Oder genau deswegen, Mütter sind in dieser Hinsicht etwas eigen. Ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, ob es eine so gute Idee war, dass man seine Persönlichkeit in die Ultracloud hochladen kann, um auch nach dem Tod noch anderen auf den Sack zu gehen. Ich würde Bill Gates Upload deswegen gerne die Leviten lesen, aber leider ist sein digitales Ego bei einem schweren Ausnahmefehler ums Leben gekommen. Die einen sagen, die Erben wollten nicht noch vier Jahrhunderte auf die Milliarden Bitcoins warten, andere behaupten Windows 800 wäre ein bisschen fehlerhaft gewesen. Wer weiß das schon?
„Trägst du denn auch brav die dicken Socken, die deine Oma dir ausgedruckt hat?“, fragt Muttern. Ich stöhne.
„Ja, klar. Hab ich an. Sind super.“
Sie nickt wissend. „Ich wette es ist ganz schön kühl bei dir. Nicht, dass du dich erkältest.“
„Mama, es gibt schon seit fünfhundert Jahren keine Erkältungen mehr“, wiki ich sie an. Sie bringt daraufhin das Argument, dass Mütter bereits seit Jahrtausenden aus dem Effeff beherrschen: „Trotzdem!“
Ich seufze. Mutter setzt eine besorgte Miene auf. „Wie geht’s dir denn so allein?“
Ich zucke mit den Schultern. Vor drei Wochen hatte mich meine Ex abserviert. „Geht so. Allerdings hätte ich echt nicht gedacht, dass Ulrike-Jaqueline-Dodo es wortwörtlich meinte, als sie sagte, sie würde mich am liebsten auf den Mond schießen. Und das dieser Mond so weit draußen im Aldi-Quadranten liegt. In der Discount-Galaxie ist echt nicht viel los. Das aufregendste war noch, das mein Mond von einem Primark-Planeten gerammt wurde. Zum Glück sind die Dinger nicht besonders stabil und fallen immer gleich auseinander. Allerdings gab es einen ziemlich unschönen Schauer aus Müllmeteoriten.“
Muttern nickt. „Du machst das schon, mein Kleiner. Du weißt ja, der Upload deiner Mutti wird dich immer lieb haben.“
„Ja, ja…“
„Ich muss jetzt Schluß machen. Ich treffe mich heute mit dem Upload eines sehr attraktiven Herren. Er will mir seine Accounts zeigen und wer weiß, vielleicht reiben wir heute noch ein bisschen unsere Binärcodes aneinander.“
„MAMA!“
„Tschüßi.“ Sie legt auf.
„Ja, ja“, sage ich und meine es ein bisschen auch genau so. Ich brauche mehr Kaffee. In der Küche schlucke ich noch ein Kaffeepaper. Essen sollte ich auch mal was, also nehme ich noch eins, das Müsli simuliert. Ich kriege eine SMS. Von meinem Kühlschrank. Er sagt, mein Mutter hätte ihm gesagt, er solle mir sagen, dass ich auch mal was Echtes essen soll, von diesem Paperzeug wird doch keiner satt. Ich will gerade antworten, dass ich durchaus vernünftig esse, als ich höre, wie die Luftschleuse geöffnet wird. Ich sehe nach. Mein Staubsauger steht vor der Schleuse. In einem seiner Lüftungsschlitze steckt ein Stock, an dem ein zusammengebundener Staubsaugerbeutel hängt. „Och nö“, stöhne ich. „Nicht du auch noch.“ Aber Tatsache, auch mein Staubsauger macht Schluß mit mir. Ihm sei es viel zu sauber bei mir, er fühle sich nutzlos und vernachlässigt. Er piepst zum Abschied leise Servus, dann ist er fort. Ich seufze.
Ich brauche etwas Gesellschaft und logge mich bei Spacebook ein. Der Upload von Marc Zuckerberg klärt mich darüber auf, das ich seit gestern unbesehen siebzehn neue AGBs akzeptiert und morgen den Besuch eines Arztes zu erwarten habe, der meine linke Niere einkassiert. Mist, ausgerechnet meine Lieblingsniere. Ich nenne sie Siegfried. Die andere heißt Roy.
Ich habe drei neue Freundesanfragen, dafür hat mich mein Staubsauger auf Igno gesetzt und mich bei der Liga zur Gleichberechtigung von intelligenten Haushaltsgeräten angeschwärzt. Oh, das kann noch Ärger geben. Seit Katzen und niedliche Hunde mit Menschen gleichberechtigt sind und das Posten von Katzenvideos als Verbreitung von Pornografie geahndet wird, muss man bei sowas vorsichtig sein.

BzzzBzzz.
Mein Gehirn brummt die Melodie des intergalaktischen Friedens: „Looking for freedom“. Das Newsfeed verkündet, das morgen ein neuer iRoom erscheint, mit dreihundert neuen Apps und etwa doppelt so groß. Hui, das wird teuer. Das wars dann wohl für Roy. Aber Apps sind nunmal wichtiger als innere Organe. Außerdem kündigen die Uploads der Rolling stones ihre „jetzt-aber-wirklich-echt- ganz-ohne-Scheiß-und-ganz- ganz-ehrlich-echt-ernst-gemeint-allerallerletzte Tour“ an. Ich schreibe meinen Spacebookfreunden, ob wir uns im Konzertstream treffe, aber SteffiBot2989 meint, es wäre schon ausverkauft. So ein Mist. Mein Kühlschrank lacht hämisch, er hat noch einen Platz gekriegt. Na toll. Ich glaube, ich werde heute abend in die Kneipe-on-demand gehen und mich mit der Simulation eines guten 18-minütigen Whiskys abschädeln. Ich bekomme eine Nachricht. Ich habe anscheinend galaxieweit Hausverbot in allen Gastronomiechats. Man will dort nichts mit Haushaltsgeräteschändern zu tun haben.
Ich seufze. Moderne Technik ist ja gut und schön, aber sie schafft auch viele Probleme. Ob man es damals, im 21.Jahrhundert auch so schwer hatte? Ich glaube kaum.

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