Im Postrock

Im Postrock #003

beer socks and headphonesIch bin der letzte im Postrock. Die Stühle stehen schon auf den Tischen und auch die Barhocker bis auf einen, nämlich der auf dem ich sitze stehen kopfüber auf der Bar. Ich bin komplett besoffen. Steffi hat mich verlassen. Das ist schon das dritte Mal diese Woche. Diesen 24-Stunden-Turnus aus Sie-hat-mich-verlassen-Frustsaufen und Sie-ist-wieder-da-Versöhnungssex stehe ich körperlich nicht mehr lange durch.
Anneke macht keinerlei Anstalten, mich rauszuschmeissen. „Was ist los?“, fragt sie. „Du wirkst nicht besonders glücklich.“
„Gnnaghiblaark“, antworte ich.
„Das ist scheiße“, sagt sie mitfühlend. Sie ist zwar erst zarte Vierzig aber hat schon das Gebrabbel hunderter Vollalkoholisierter entziffert. Sie spricht fließend Betrunken.
Fließend betrunken, denke ich, witzig.
„Gnarp gnarp“, lache ich.
Gnarp gnarp, denke ich. Wer lacht denn so? Wie albern. Ich muss lachen. „Gnarp gnarp.“
Anneke ist Profithekenschlampe genug, um gelegentliche Selbstgespräche und unbegründetes Lachen zu ignorieren oder zumindest in Umsatz umzuwandeln. „Noch’n Bier?“, fragt sie.
Ich sehe in mein Glas. Ich sollte echt langsam nach Hause gehen. „Bwaaa, na na“, verneine ich.
„Assklar“, sagt Anneke und stellt mir ein neues Bier und zwei Kurze hin. Einen führt sie sich selbst zu Gemüte. Es wäre jetzt zutiefst unhöflich, nicht weiterzutrinken. Also hebe ich mein Schnapsglas, sage „Prnfftt tulidu“ und kippe es runter. Vielleicht ist es gar kein Schnaps, sondern eine Art Industriemagenpolitur, zumindest fühlen sich meine Innereien schlagartig sehr heiß, sehr glatt und sehr sauber an.
„……“, krächze ich und Anneke lächelt stolz. „Den macht mein Onkel selbst“, sagt sie. Ich glaube ihr aufs Wort. Ich kippe das halbe Bier als sofortige Notmassnahme hinterher.
„Bruha wudüü“, nuschele ich. Anneke putzt Gläser und nickt traurig. „Ja, da hast du wohl recht. Es ist einfach nicht mehr dasselbe wie früher.“
Vielleicht kann sie doch nicht so gut Betrunken wie ich gedacht habe, aber vielleicht doch, da ich schon wieder vergessen habe, was ich zu ihr sagte. Vielleicht reden wir auch einfach nur die ganze Zeit aneinander vorbei. Das ist typisch menschlich. Mein Handy brummt. Eine SMS von Steffi. Es tut ihr sehr leid und sie will mich wieder zurück haben. Ich seufze. Kommunikation, dieses evolutionäre Fehlgriff in der Entwicklung der Menschheit. Ich lege das Telefon auf den Tresen und gebe Anneke per Handzeichen zu verstehen, dass ich gerne noch zwei Pintchen mit der Onkelpolitur hätte. Sie lächelt zufrieden und stellt drei Gläser hin. Eins kippt sie selbst, eins trinke ich. Das dritte Schnapsglas kippe ich auf mein Handy, mit der immer noch geöffneten SMS. Das Display fängt sofort an zu rauchen und Blasen zu schlagen. Die Sprachsteuerung von Siri aktiviert sich. Leise höre ich Siri flüstern „Ich verstehe nicht…“, dann ein leises Stöhnen, das in elektronischer Verzerrung mündet, die immer leiser wird und verstummt, schließich erlischt das Handy. Ich schaue auf die rauchenden Trümmer. Anneke nickt wissend und stellt mir noch ein Bier hin. Die Reste des Telefons schiebe mit einem Bierdeckel in den Aschenbecher. Kommunikation. Manchmal muss man diesen Teufelskreis einfach mal durchbrechen.

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