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Licht am Ende des Tunnels – 3 Variationen

I. Er wusste nicht, wie lange er schon durch das Dunkel wankte. Das Zeitgefühl hatte er schon vor langem verloren. Er war allein, nur das ständige Geräusch seiner Füße auf den Schwellen oder dem Schotter begleiteten ihn. Manchmal stolperte er über die Schiene, was er als Abwechslung empfand. Irgendwann hatte er angefangen mit sich selbst zu reden. Irgendwann hatte er wieder damit aufgehört. Er würde diesen Tunnel niemals verlassen, fürchtete er. Nach so langer Zeit im Dunkeln konnte er nicht mal mehr sagen, ob er die Augen geöffnet hatte oder nicht. Daher glaubte er es nicht, was er sah, doch nachdem er ein paar Mal geblinzelt und sich die Augen gerieben hatte, war er sich sicher. Da war ein Licht am Ende des Tunnels. Es war eine Feuerwand, die auf ihn zuraste.
II. Endlich. Ewig schien er schon über das Gleis zu laufen, zum Schluss war es nur noch ein einziges Stolpern kurz vorm Zusammenbruch gewesen. Aber nun erblickte er einen Schimmer in der Ferne. Er wollte gar nicht glauben was er sah, dachte seine Augen würden ihm einen Streich spielen, vielleicht eine Reaktion der Retina auf den andauernden Lichtentzug. Aber je weiter er stolperte, um so deutlicher wurde es: dort war Licht. Er hatte es geschafft. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und schritt mit neuem Elan auf sein Ziel zu. Da war wirklich Licht. Er musste sich beherrschen, nicht in hysterisches Lachen zu verfallen. Sein Herz schlug wie wild vor Aufregung. Doch dann, als er die Quelle des Lichts fast erreicht hatte, verlangsamte sich sein Schritt. Sein Herzschlag beruhigte sich und das Lachen verging ihm. Ja, da war ein Licht. Aber es war nicht das Ende des Tunnels. Da stand ein beleuchtetes Plakat mitten im Tunnel, am Rande des Gleises. Er verfiel in Schluchzen, als er las, was auf dem Affiche geschrieben stand: NEU! JETZT NOCH MEHR TUNNEL! UND 20% AUF ALLES AUSSER TIERNAHRUNG!
III. Es tat weh, aber viel schlimmer war die Überraschung. Ewig war er schon durch das Dunkel getapst. Die letzten Batterien für seine Taschenlampe hatte er sich aufsparen wollen, falls es Schwierigkeiten geben sollten. Erst zögerlich hatte er sich seinen Weg durch die Finsternis des Tunnels gebahnt, bevor er selbstsicherer wurde und in seinem gewohnten Tempo ging. Und dann war da die Wand. Im Dunkeln gegen eine Mauer zu laufen ist nicht besonders witzig. Mehr geschockt, als wirklich durch Schmerz ausgelöst entfuhr ihm ein Schrei und er fiel hintenüber. Nachdem er sich von dem Schock erholt und sichergestellt hatte, dass seine Nase nicht gebrochen war holte er seine Taschenlampe hervor. Vor ihm ragte eine solide Wand im Tunnel auf. Es gab keine Tür, keinen abzweigenden Weg, nichts. Der Tunnel war zu Ende. Auf dem Boden entdeckte er einen Zettel. Er nahm ihn und entfaltete das Papier, dann richtete er die Lampe darauf. Es stand nur ein einziges Wort darauf: „Licht“.

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