Texte

YOLO!

Man lebt nur einmal, dachte sich Olaf.

Was war es für ein toller Abend. Gute Laune, es war eine laue Sommernacht und auf der Freiluftbühne auf dem Rathausplatz spielte für lau ein gute Band launigen Punkrock. Ausgelassen tanzte Olaf vor sich hin, trank ein Bier und ließ sich hier und da auf nicht zu rauhen Pogo ein. Man lebt nur einmal, dachte Olaf, rief laut „Yeah!“, als der Sänger der Band dies vom Publikum einforderte und beobachtete die Stagediver. Zuschauer kletterten auf die Bühne zu den Musikern, mancher klopfte dem Gitarristen oder Sänger schnell auf die Schultern oder brüllte bei entsprechender Textsicherheit auch mal eine Zeile mit ins Mikro um dann wieder zurück ins Publikum zu springen, wo man die Wagemutigen auffing und sie auf Händen trug.

pic: Libertinus Yomango

pic: Libertinus Yomango

Olaf war noch nie stagediven. Er wollte gerne, aber so richtig trauen tat er sich bisher nicht. Aber an diesem Abend war Olaf richtig gut drauf. Er trank den letzten Schluck aus seiner Flasche und arbeitete sich nach vorne durch. Man lebt nur einmal, dachte er sich. Etwas ungeschickt kraxelte er auf die Bühne. Was für ein Gefühl, als er sich mitten zwischen den tobenden Musikern erhob und plötzlich das ganze Publikum überblicken konnte. Der Gitarrist rannte an ihm Akkorde schrammelnd vorbei, grinste ihn an und rief „Yeah!“. Ein Moment der Unsicherheit überwältigte Olaf und er überlegte, ob er einfach wieder runterklettern sollte. Nein, dachte er sich, man lebt nur einmal. Er stellte sich an den Bühnenrand und breitete die Arme aus, wippte vor und zurück und signalisierte Divebereitschaft. Die Zuschauer unter ihm hoben die Arme und signalisierten Fangbereitschaft. Tief atmete Olaf durch. Man lebt nur einmal, dachte er und drückte sich ab. Hoch sprang er in die Luft. Seine Brust schien vor Mut und Lebensfreude zu platzen.

„YOLO!“, rief Olaf. Das nahmen die Leute unter ihm zum Anlass, ihre Arme wieder runterzunehmen und beiseite zu treten. „Yolo“ sagen fanden sie doof und nervtötend. Mit  so einem  Internetblödsinn wollten sie nichts zu tun haben.

Man lebt nur einmal, aber auch das endet irgendwann.

Hart schlug Olaf auf dem betonierten Boden auf und zersprang in tausend Scherben. Was ihm seine Eltern nicht erzählt hatten: Er war adoptiert. Man hatte ihn in Meißen aus feinstem Porzellan hergestellt und das verträgt so einen harten Aufprall nun mal nicht. Was wieder einmal beweist, das man Kindern ihre Herkunft nicht verschweigen sollte. Eine Thekenkraft kam herbei und fegte die scharfkantigen Scherben von Olaf zur Seite, damit sich niemand beim Tanzen daran schnitt.

Das Konzert ging weiter, denn schließlich lebt man nur einmal und von dem kleinen Zwischenfall wollte sich niemand vom Feiern abhalten lassen, wo es doch so eine schöne Nacht war. Die Band spielte noch viele Lieder und wenn man genau hinhörte, konnte man vernehmen, das der Scherbenhaufen manche Zeilen leise mitsummte.

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