Der kleine Sonntagskrimi/Texte

Der kleine Sonntagskrimi #020

raven‚Das ist dann wohl die Einsamkeit des Cops‘, dachte Kommissar K. Da hatte er schon mal einen freien Tag und wie verbrachte er ihn? Er war mit seinem Assistenten H. unterwegs und sie spazierten planlos durch die Stadt. Seine sozialen Kontakte konnte K. an einer Hand abzählen. An der Hand eines unvorsichtigen Arbeiters im Sägewerk. Und die paar Leute, mit denen er regelmäßig zu tun hatte, kannte er eigentlich nur durch seinen Job. Es war schon ein Trauerspiel, aber das war der Preis, wenn man seine Stadt beschützen wollte. Es stimmte ihn melancholisch, aber der Kommissar akzeptierte den Preis, den er für seine Berufung zu zahlen hatte. K. und H. schlenderten durch den Stadtpark, als ihnen ein kleiner Menschenauflauf ins Auge fiel. In der Mitte des Pulks ragte ein mit Stoff verhülltes Objekt etwa drei Meter hoch empor.
„Was ist denn da los?“, brummte K.
„Sieht so aus, als würde ein neues Denkmal enthüllt. Wollen wir uns das nicht ansehen?“
Der Kommissar zuckte mit den Schultern. „Klar, warum nicht?“
Sie gesellten sich zu der kleinen Menge, vor der gerade ein Schlipsträger irgendwas über moderne Kunst schwadronierte. Die Leute schlürften Sekt aus Plastikgläsern und taten wenig überzeugend so, als würden sie zuhören. Der Schlipsmann endete, es wurde ein bisschen geklatscht, dann gab er einem jüngeren das Zeichen zur Enthüllung. Der zog an einem Seil und die Verhüllung glitt zu Boden.
„Ach du grüne Neune“, ächzte K. als er das Kunstwerk erblickte. Er runzelte die Stirn, kniff die Augen zusammen, dann runzelte er erneut die Stirn und schüttelte den Kopf. Für ihn sah das Ganze einfach nur nach einem Haufen zusammengeschweisstem rostigen Schrott aus.
Auf einer Plakette am Fuß der Skulptur stand: „Für die Opfer aller Kriege.“
‚Das haben die nun wirklich nicht verdient‘, dachte K. ‚Die sind doch schon Opfer.‘ Er sah sich um. „Entschuldigung. Wer hat das hier verbroch… ich meine, wer hat das gemacht?“
Ein junger Mann trat ihn heran. „Ich bin der Künstler“, sagte das wandelnde Klischee. Spindeldürre Beinchen, eine Frisur die der Symmetrie den totalen Krieg erklärte und eine Brille, die nur dafür gemacht schien unter keinen Umständen in dieses Gesicht zu passen.
„Aha“, sagte K. und wandte sich an seinen Assistenten. „Verhaften sie ihn!“
Die Gesichtszüge des Künstler entwichen. „Was? Warum?“
„Beamtenbeleidigung“, sagte K.
„Was? Wieso?“
„Ihr Skulptur beleidigt mein Auge. Und ich bin Beamter. Abführen, H.“
Sein Assistent verhaftete den zeternden Provinzhipster und brachte ihn zur Wache.
K. blieb noch ein Weile und betrachtete das angebliche Kunstwerk. Es ist immer gut, Kontakte zu haben. Zum Beispiel hatte K. vor ein paar Tagen eine Bande Altmetalldiebe aufgespürt. Die würden sich wohl darum kümmern, wenn er dafür das eine oder andere Auge zudrückte.
„Fall gelöst“, sagte K. zu sich selbst und überlegte, ob er sich eine Waffel oder vielleicht lieber ein Zitroneneis kaufen sollte.

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