Der kleine Sonntagskrimi/Texte

Der kleine Sonntagskrimi #019

BelaLugosi

Kommissar K. betrachtete fasziniert die Konstruktion. Es fing damit an, das man eine Wunderkerze entzünden musste. War diese fast abgebrannt, durchtrennte ihre fröhlich flackernde Flamme eine Schnur, die ein Gewicht auf eine Wippe fallen ließ. Die Wippe kippte und stupste damit alte Videokassetten an, die als Dominosteine eine kleine Rampe hinunterfielen. Die letzte Kassette fiel auf einen Fernauslöser für einen alten Polaroid- Fotoapparat. Dieser schoß eine Foto und schob das Bild aus seinem Schacht. Die Kante des Fotos drückte gegen einen kleinen Hebel, der wiederum eine Kette von weiteren Hebeln auslöste, die immer größer und schwerer wurden, bis zum letzten, der die gespannt Sehne eine Bogens losließ. Der Pfeil schoß los und traf auf eine Zielscheibe. Diese kippte nach hinten und zog dabei den Stöpsel aus einem Behälter, dessen Inhalt sich in eine Schüssel ergoß, die auf einer Waage stand. Die Fläche der Waage senkte sich ab und betätigte den Regler einer Modelleisenbahn. Diese fuhr los und traf auf einen Ball, der durch eine Regenrinne rollte und am Ende runterfiel auf einen weiteren Hebel, der mit dem Abzug eines 38er Revolvers verbunden war. Ein Schuss löste sich und zerstörte einen Flasche mit Murmeln, die wiederum in einen Trichter fielen. Es ging weiter mit einem Toaster, einer aufblasbaren Sexpuppe, einem Messer, einem aufziehbaren Spiezeugaffen, der hektisch die Zimbeln schlug, einem Knallfrosch, einem Drucker, einer Sektflasche, bis schließlich ein Auslösemechanismus betätigt und damit eine Kette losgelassen wurde, an der ein großer Safe hing, der hinabfiel und die darunter sitzende gefesselte Ehefrau des Konstrukteurs erschlug. Eine sehr große getrocknete Blutlache zeugte davon, das die Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit sofort tot war.
K.nickte anerkennend. „Eine Rube-Goldberg-Mordmaschine. Das sieht man auch nicht alle Tage.“
Der Verdächtige stand nebem ihm, die Hände gefesselt auf dem Rücken. Ein Polizist behielt ihn im Auge, falls er Anstalten machen sollte zu fliehen, aber danach sah es nicht aus. Er zuckte mit den Schultern. „Ich bastele halt gerne.“
K.nickte. Als leidentschaftlicher Hobbymodellbauer konnte er das verstehen. Seine Spezialität waren Tatorte im Masstab 1:87. „Vor allem, das die Abfolge so reibungslos funktioniert hat, ist bewundernswert.“
„Ich habe auch sehr viele Testläufe gebraucht. Immerhin sollte bei der Premiere alles klappen. Stellen sie sich vor, da hätte ich meine Frau gefesselt und dann funktioniert der Toaster nicht oder der blöde Spielzeugaffe läuft in die falsche Richtung. Das wäre mir schon etwas peinlich gewesen. Sie war zwar eine unerträgliche Zicke, aber ich wolllte sie ja nicht unnötig auf die Folter spannen.“
K.nickte. Mord konnte er nicht gutheißen, aber eine ordentliche und gewissenhafte Arbeitsweise wußte er durchaus zu schätzen.
„Und dann diese Penibilität, mit der sie es vermieden haben, auch nur einen Fingerabdruck auf all diesen Teilen zu hinterlassen. Und das die Lagerhalle auf einen falschen Namen gemietet war und wie genial sie ihr Alibi konstruiert haben. Respekt.“
„Danke schön.“
„Es war nur vielleicht ein Fehler, an der Maschine ein Schild mit ihrem Namen zu platzieren. Warum haben sie das bloß gemacht, um Himmels Willen?“
Der Mann zuckte mit den Schultern. „Die Konstruktion war schon ziemlich aufwändig. Ich wollte, das man das honoriert.“
„Das war ganz schön dumm.“
„Ja, irgendwie schon.“ Der Mann seufzte. „Aber hätten sie es nicht genauso gehalten?“
K.überlegte kurz. „Ja, vermutlich schon.“ Er gab dem Polizisten ein Zeichen. „Abführen.“
Der Mann wurde zur grünen Minna gebracht und K.blieb alleine mit der Maschine zurück. Nachdenklich betrachtete er sie. Das sollte er sich merken. Frau K.ging ihm in letzter Zeit ziemlich auf die Nerven. Ständig mäkelte sie an ihm herum und machte sich über seine Modelle lustig. Er solle sich doch mal eine erwachseneres Hobby suchen, hatte sie gesagt. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht sollte er eine Rube-Goldberg-Maschine bauen. Er warf seine Kippe auf den Boden und drückte sie mit Schuhspitze aus.
„Fall gelöst“, murmelte er und verließ den Tatort.

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