Der kleine Sonntagskrimi/Texte

Der kleine Sonntagskrimi #018

verhör

Es war heiß im Verhörraum, sehr heiß. K. beobachtete seinen Verdächtigen durch den venezianischen Spiegel. Er hatte die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht, um ihn schon mal im wahrsten Sinne weich zu kochen, bevor die Vernehmung überhaupt begonnen hatte. Mit einer gewissen Genugtuung sah er zu, wie der schmächtige Mann immer mehr ins Schwitzen geriet und immer wieder versuchte sich Luft zu verschaffen, in dem er an seinem Hemdkragen puhlte und zerrte.
Als der Mann zu einem Häuflein schwitzenden Elends zusammengesunken war trat K. in den Verhörraum und knallte seine Akte auf den Tisch. Der Verdächtige zuckte zusammen und schrumpfte scheinbar um zehn Zentimeter.
„Also!“, sagte K. und ließ seinen ersten Satz ungesagt in der Luft schweben. Den Verdächtigen in die Defensive drängen, verunsichern, das war sein Ding.
„Also.. was?“, fragte der Verdächtige.
„Sie haben die Leiche gefunden?“
„Äh, ja…klar.“
„Mitten im Wald? Zwei Meter tief vergraben? Ein seltsamer Zufall, finden sie nicht auch?“
Der Verdächtige zuckte mit den Schultern. „Zufall würde ich das jetzt nicht nennen, ich hatte eindeutige Hinweise.“
K. starrte ihn finster. „Vielleicht haben sie den Fund auch nur gemeldet, um nicht selbst als Tatverdächtiger angesehen zu werden.“
„Also, hören sie mal…“
„Ein ganz alter Trick, darauf fallen vielleicht andere rein, aber NICHT ICH!“ Er hieb bei diesen Worten auf den Tisch zwischen sich und dem Verhörten ein, der versuchte noch tiefer auf seinem Stuhl zu sinken, was langsam nicht mehr möglich war, ohne gänzlich unter der Tischplatte zu verschwinden.
K. nickte. „Also gut.“ Er setzte sich ebenfalls und blätterte in der Akte, ohne sein Gegenüber zu beachten. Hinhaltetaktik. Hatte er auch drauf, gar kein Problem. „Dem Opfer wurde der Schädel eingeschlagen. Ein brutales Verbrechen. Ein Verbrechen aus Leidenschaft. Hat er ihnen Geld geschuldet? Hat er ihre Frau gevögelt?“
„Äh, Nein, natürlich nicht, wie kommen sie denn da drauf? Sind sie verrückt?“
„VORSICHTIG, SPORTSFREUND!“ Drohend richtete K.seinen Finger auf den Verdächtigen. „Ich kenne solche wie sie. Tun immer ganz harmlos, aber im Innersten sind sie ein brutales Schwein.“
„Nein, ich bin Wissenschaftler. Archäologe…“
„Das muss nichts heißen.“
„…und der Leichnam ist seit etwa 5000 Jahren tot.“
K.ließ sich nichts anmerken und blätterte erneut in den Akten. Wieder ließ er sein Gegenüber schmoren, bis er sagte: „Ja, so steht’s hier. Wann sind sie geboren?“
„11.August 1971, Herr Kommissar. Ich komme nun wirklich nicht als Täter in Frage.“
„Nun gut“, schnaubte K. Er konnte Klugscheisser nicht leiden. Er beugte sich über den Tisch, bis sich ihre Nasenspitzen fast berührten und K.den Angstschweiss des anderen zu riechen glaubte. „Aber ich werde rausfinden, wer für diese Sauerei verantwortlich ist und wenn sich auch nur das Geringste damit zu tun hatten, dann gnade ihnen Gott.“
Der Verhörte runzelte die Stirn. „Sie wollen den Täter finden? Nach fünf Jahrtausenden? Halten sie das nicht für etwas unwahrscheinlich?“
K.stand auf. „Unterschätzen sie mich nicht, den Fehler haben schon ganz andere gemacht. Und jetzt hauen sie ab.“
Erleichtert stand der Mann auf und zog sich seine Jacke an. K.sah ihn an. Der Kerl war vielleicht nicht der Mörder, aber er wußte etwas, da war er sich sicher. Er würde ihn im Auge behalten.
„Ich werde sie im Auge behalten“, knurrte er. Der Mann sah ihn mit weiten Augen an und machte dann, das er aus dem Zimmer kam.
K.setzte sich wieder an den Tisch und ging einmal mehr die Akte durch. Zwielichtig oder nicht, der Archäologe hatte immerhin damit recht, das der Fall wirklich kniffelig war. K.gab sich drei Tage für die Lösung, spätestens dann musste er sich um einen anderen Leichenfund kümmern. Eine Toter war im Museum in einem Sarkophag versteckt worden. Irgendein Irrer hatte dem Opfer sämtliche Organe entfernt und es in Mullbinden gewickelt. K.vermutete einen Ritualmord und ließ die Leiche in die Pathologie bringen. Der Museumsdirektor hatte deswegen einen Riesenaufstand gemacht. Der wußte bestimmt etwas, da war sich K.sicher. Er würde ihn wohl verhaften lassen.
Was für eine Welt, dachte er und zündete sich ein Kippe an. Nur gut, das es Männer wie ihn gab, die sie ein Stück weit sicherer machten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s