Der kleine Sonntagskrimi/Texte

Der kleine Sonntagskrimi #015

mittelalter quincy

„Mich dünkt, es war der Narr“, sprach der Minnesänger.
‚Ich düng dir gleich was ganz anderes‘, dachte Kommissar K. und starrte ihn finster an.
Mord auf dem Mittelalterfest, ganz toll. K. hatte absolut null Verständnis für das Bedürfnis nach Gestrigkeit und den Drang sich zu verkleiden. Dudelsäcke gingen ihm auf die Nerven, Met schmeckte für ihn nach geschmolzenen Bonbons mit Rotze und was so an Essen verkauft wurde, war in seinen Augen ein Fall für die Lebensmittelkontrolle. Und in all diesem Durcheinander aus romantisch Vollverblendeten, die ernsthaft die Bequemlichkeit der Moderne gegen Strohlager und Plumpsklos eintauschen würden, lag die Leiche des Ritters Balduin zu Blasenstein. Jemand hatte intensiv auf ihn eingedroschen und ihm den Schädel eingeschlagen. Kein hübscher Anblick, aber nach K.s Meinung passte es ganz gut zum Gesamtbild des Spectaculum.
Ziemlich schnell war auch ein Verdächtiger ausgemacht. Während der Befragung wurde K. nicht nur vom Kauderwelsch in gestelztem Möchtergern-Altdeutsch genervt, sondern erfuhr ebenso, dass alle, bis auf den Hoffnarren, den Hofnarren verdächtigten.
K. ließ den Minnesänger stehen und kehrte zur Leiche zurück. „Ich hab da was“, begrüßte ihn der Pathologe, der gerade mit einer langen Greifzange im Hals des Toten herumwerkelte. Neugierig versammelte sich das anwesende 12.Jahrhundert im Kreis um den Tatort. Langsam zog der Doktor die Zange heraus. Er ließ einen kleinen Gegenstand in einen Beweisbeutel plumpsen und reichte ihn K. Der betrachtete ihn eingehend und schüttelte den Beutel leicht. Es klingelte leise. Er ging zum Hoffnarren und hielt den Beutel hoch an seine Kappe. „Könnte es sein, das ihnen jemand im Kampf eine Schelle von der Mütze gebissen hat?“
„Meiner Treu“, ächzte der Büttel aus der Reihe der Zusehenden.
‚Aufs Maul‘, dachte K.
„Fürwahr“, fauchte der Narr. „Ich war’s der den Ritter meuchelte. Stets ward ich hier der Narr genannt. Ich, ein Programmierer von Advokatenrechenmaschinen, der im 21.Jahrhundert viele Taler verdient, musste mit ansehen, wie dieser, dieser… Lehrersmann für kleine Bälger hier den wackeren Ritter gab und Wochenend um Wochenend reihenweise Mägde, die zu knattern er gedachte in sein Zelt einlud, sogar die Hilde, die mir einst versprochen. Der Neid, die alte Todsünde ließ mich vor Zorn erzittern und gestern, ja, ich geb’s zu, da gab ich nach dem blutroten Drängeln. Mich deucht, ihr werdet mich nun einkerkern. So sei es!“
‚Gute Güte‘, dachte K., was für ein Pfosten. ‚Und sich dann wundern, das man den Hoffnarr spielen muss.‘ Er sah sich bei den umstehenden Marktleuten um, bis er einen Mann mit schwarzer Kapuze erblickte. „Hey du,“ rief er. „Bist du hier der Henker?“
„Fürwahr“, antwortete der Henker.
‚Am Arsch‘, dachte K. und sagte: „Alles klar, der Narr war’s. Mach deinen Job.“
Unsicher sah sich der Henker um. Ein Raunen ging durch die Menge. „Ähm, wie meinen?“
K. zuckte mit den Schultern. „Er hat’s zugegeben. Also runter mit der Rübe. Eigentlich müsste ich ihn verhaften, aber der Typ nervt. Und so ist es doch auch viel authentischer.“
Der Henker tänzelte aufgeregt von einem Bein aufs andere. „Cool, das wollte ich schon immer mal machen.“ Dann räusperte er sich. „Ähm, ich meinte: Wie ihr befehlt, hoher Herr. So sei es.“
Er packte den zeternden Narren und schleifte ihn aufs Schaffot.
„Fall gelöst.“ K. zündete sich eine Zigarette an und sah zu, wie der Henker den authentischsten Auftritt seines Lebens hinlegte. Die Marktleute jubelten, als das Beil herabsauste.
‚Vielleicht haben sie ja doch recht‘, dachte K. ‚Es war schon irgendwie alles einfacher im Mittelalter.‘ Dann ging er mit dem Pathologen zum Metstand und gab eine Runde aus.

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