Texte

Mach mir den Blaubart

Aus der Reihe „Pärchenscheisse“.

Blaubart

Pärchen haben die Neigung, ihren Mitmenschen, die sich auf Solopfaden durch die Ödnisse des Lebens bewegen, ziemlich auf die Nerven zu gehen. Sie belästigen einen mit ihrer ekelhaften Zufriedenheit, Zweisamkeit und ihrem geradezu aufdringlich zur Schau getragenem Glück. Sie grinsen einen an, bis man glaubt, glänzende Zähne auf dem Hinterhirn kauen zu spüren und wenn man sie doch mal alleine erwischt haben sie nur ein Gesprächsthema drauf: ihren Partner und wie toll das doch alles ist.

Sie halten Händchen und schubsen Entgegenkommende vom Bürgersteig in den fließenden Straßenverkehr und dabei sagen die Unzertrennlichen so Sachen wie „Lass du los!“ „Nein, du läßt los!“ „Nein, du!“, während man selbst versucht nicht von einem zornig hupenden Kleinlaster zermanscht zu werden.

Oder sie besetzen das einzige verfügbare öffentliche Telefon und natürlich muss man es selbst ganz dringend benutzen, weil der Akku vom Taschentelefon alle oder das Guthaben darauf aufgebraucht ist und die Schwerstverliebten brauchen Stunden, um all ihre Kosenamen und Liebesschwüre loszuwerden und sagen dann so Sachen wie „Du legst auf! … Nein, du. … Okay, zusammen auf drei: Eins, zwei, drei… Aaah, du hast auch nicht aufgelegt, erwischt!“

Wenn man mit einem von ihnen allein auf der Piste geht, halten sie einem ständig das Smartphone unter die Nase und sagen so Sachen wie „Guck mal, das ist sie beim Schlafen!“ oder „Guck mal, da waren wir auf Borkum.“ oder „Guck mal, da war sie am Kacken, da war sie ein bisschen böse, das ich sie geknipst hab.“ und dann seufzen die Typen, was sie doch für ein Glück haben und rufen erst mal ihr Schatzi an, um ihr Kosenamen und Liebesschwüre in die Sprechmuschel zu schmachten und dann will wieder keiner zuerst auflegen.

Oder es passiert das exakte Gegenteil. Da wird man zugenölt, das es doch alles nicht das wahre ist, nur wegen irgendwelcher Kleinigkeiten und der Single denkt nur, Halt die Fresse, du Arsch, du hast wenigstens jemanden der auf dich wartet. Die Unzufriedenen, das sind die, die deutlich mehr nerven als die Hyperglücklichen.

Ich sitze in der Bar, er mir gegenüber und wir trinken Whisky.

Es ist nicht das erste Glas und der 15jährige Schotte brennt geschmeidig in Kehle und Hirn. Wir sind ins Quatschen gekommen und wie das so ist, wenn der Alkohol spricht drehte sich erst alles um Politik und wie wir jetzt und hier in dieser ansonsten leeren Bar die Probleme der Welt lösen können. Und dann sind wir auf Beziehungen gekommen.

„Ach, eigentlich bin ich schon zufrieden mit ihr“, sagt er. „Aber…“

Ich sehe ihn an, doch er setzt seinen Satz nicht fort. promillebedingtes Eloquenzversacken.

„Aber was?“, hake ich nach.

„Ich weiß auch nicht“, sagt er. „Irgendwie ist es schon krass, wir sind jetzt vier Jahre zusammen. Es wird ernst und ich frag mich, ob ich das will.“

„Dann musst du sie halt abschießen“, sage ich.

„Nein, Quatsch, ich lieb sie ja. Das ist nicht das Problem.“

„Was ist denn dann das Problem?“

Er zuckt mit den Schultern, dreht nachdenklich sein Glas auf dem polierten Holz der Bar. Wir schweigen während der Problemfindung. Nick Cave and the bad seeds verhindern dankenswerterweise die Entstehung peinlicher Stille.

Er atmet tief durch, dann sagt er: „Ich bin erst dreißig Jahre alt.“
„Na und?“, frage ich.

„Ich hab halt Schiss, was zu verpassen. Ich bin noch jung, da geht noch was.“

„Dir geht’s also ums Rumvögeln? Dir reicht eine nicht?“

„Ja, nee, … ich weiß nicht. Rumvögeln ist es nicht, aber ich weiß nicht, ob ich mich jetzt schon auf eine fürs ganze Leben festlegen kann.“

„Da kann ich dir auch nicht weiterhelfen. Entweder oder. Wenn du nicht Schluss machen willst, musst du mit ihr glücklich werden.“

Er nimmt noch einem Schluck. Dann sagt er: „Oder ich könnte sie umbringen.“

Ich zucke zusammen und verschlucke mich. Hustend drehe ich mich zur Seite. Single malt scotch in der Nase, das fühlt sich eher mittelprächtig an. Tränen in den Augen schaue ich ihn an und tippe mir an die Stirn. „Alles klar, du Honk. Freundin umbringen ist auch ne prima Lösung. Und wenn du dann die nächste satt hast, machst du die dann auch kalt?“

Er kratzt sich nachdenklich am Ohr. „Ja, nee .Na ja… vielleicht so wie der Typ aus dem Märchen, mit dem Zimmer voller toter Ehefrauen.“

„Blaubart“, sage ich.

„Genau. Blaubart. Weißt du, ich will ja nicht Schluss mit ihr machen, das würde sie fertig machen und mich auch. Ich will sie nicht verlieren. Aber eine einzige Frau für den Rest meines Lebens, das ist schon hart…“

Ich zeige ihm erneut einen Vogel, bald habe ich einen ganzen Schwarm beisammen. „Du spinnst..“

„Ist ja nur ein Gedanke“, sagt er und dann zieht er an seinem Kinnbewuchs. „Meinst du, mir würde ein blauer Bart stehen?“

Ich schüttele den Kopf. „Die Visage hat noch keiner zusammengeschraubt, an der ein blauer Bart nicht scheiße aussieht“, sage ich.

Er nickt traurig.

„Weißt du“, sage ich, „Mir gehen Leute wie du auf den Sack, die eine tolle Freundin haben und trotzdem nur rum jammern, weil sie vielleicht etwas verpassen könnten. Geniess es einfach, solange sie bei dir bleibt und wenn es für den Rest deines Lebens ist, dann schätz‘ dich lieber verdammt noch mal glücklich, so viel Schwein haben die wenigsten. Also hör auf mit dem Scheiß von wegen Blaubart und umbringen.“

„Aber…“, sagt er.

„Nix aber“, sage ich. „Liebst du sie?“

„Ja klar.“

„Gut. Dann kauf ihr lieber mal Blumen, statt hier so einen Mist zu erzählen.“

Er nickt. „Hast schon recht“, sagt er.

Es rumpelt und aus der Klappe zum Kneipenkeller kommt Steve, der Barmann hochgeklettert. Er hat neue Fässer angeschlossen. Er sieht zu mir rüber. „Mit wem redest du da?“, fragt er.

Ich sehe Steve an, dann in den Spiegel über der Bar mir gegenüber. Mir würde wirklich kein blauer Bart stehen. „Mit niemandem“, sage ich. „Hab nur laut gedacht.“
„Ach so“, sagt Steve. Er ist halt Barmann, da kennt man so was.
Ich hebe mein leeres Glas. „Bringst du mir noch einen
Glenlivet? Und kannst du mich dann gleich abkassieren?“

Er nickt und holt ein Glas.

Ich sehe noch mal in den Spiegel, dann nehme ich mein Handy aus der Hosentasche. Ich rufe sie an und sage ihr, das ich in einer halben Stunde bei ihr bin und das ich sie sehr lieb habe. Und sie sagt, das sie sich auf mich freut und das sie mich auch lieb hat.

Und dann will keiner von uns als erster auflegen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s