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Fünf Sterne für Ornithophobie

duck

Jan-Olaf hatte es endlich geschafft. Nach Jahren des Dahinkrebsens bei kleinen Theaterproduktionen und endlosen Vorstellungen vor Kindern und in irgendwelchen Heimathäusern in irgendwelchen uninteressanten Vororten und Dörfern hatte er nun endlich seinen Durchbruch.
Eine Rolle in einem Kinofilm. Und nicht nur irgendeine Rolle, Nein, er war Hauptdarsteller und die Produktion versprach einer der größten Hits des nächsten Jahres zu werden. Eine wunderbare dramatische Geschichte aus der Zeit des ersten Weltkrieges. Exzellentes Drehbuch, erstklassiger Cast und ein Regiesseur, der geradezu abonniert war auf die renommierten Filmpreise und -Festivals.
Und als wäre das nicht schon genug gewesen, hatten sich die neuen Kontakte auch schon für seine Arbeit hinter den Kulissen bezahlt gemacht. Das Drehbuch für seinen engagierten Politthriller war so gut wie verkauft.
Es hätte nicht besser laufen können, aber das hatte er sich nach Jahren der harten Arbeit und der Entbehrungen auch verdient. Er liebt den Film und die Bühne über alles und endlich würde er wirklich im Rampenlicht stehen und diese Liebe erwidert werden.
Beschwingt spazierte er durch den sommerlich erleuchteten Park am See entlang und summte vor sich hin. Er war so glücklich, das er die Ente auf der Uferpromenade erst gar nicht bemerkte. Erst als sie quakte, erwachte Jan-Olaf aus seinen rosaroten Tagträumen und erstarrte.
Die Ente saß direkt vor ihm auf dem Weg.
Sie sah ihn an aus ihren Entenaugen.
Jan-Olaf brach der kalte Schweiß aus. Er hatte ein echtes Problem mit Vögeln.
Und als die Ente laut quakend auf ihn zuwatschelte war es vorbei mit seiner Selbstbeherrschung. Kreischend wie ein kleines Mädchen rannte er weg. Leider hielt er es für eine gute Idee, dabei über die Schulter zu schauen, um die Ente im Blick zu behalten. So übersah er den Laternenpfahl und lief mit voller Wucht dagegen. Schmerz und Überraschung fluteten über Jan-Olaf herein und mit wedelnden Armen und einem unglaublich dummen Gesichtsausdruck kämpfte er um sein Gleichgewicht, bevor er wie in einem albernen Slapstickfilm hintenrüber fiel.
Die Ente biss ihm mit ihrem Schnabel noch schnell in den Hintern und machte sich dann davon. Jan-Olaf blieb stöhnend liegen. Er wollte sich zur Seite wälzen, aber dort war leider die Uferkante. Der Schauspieler landete im siffigen See, aus dem er sich erschrocken jammernd wieder herauszog. Wie ein begossener Pudel machte er sich von dannen.
All das wäre vielleicht nicht so schlimm gewesen, hätte nicht der dreizehnjährige Patrick auf einer Parkbank gesessen und gerade die Kamerafunktion seines brandneuen Smartphones ausprobiert. Als Jan-Olafs Unglück seinen Lauf nahm, hielt Patrick voll drauf und lud das Video noch vor dem Abendessen bei youtube hoch.
Jan-Olaf wurde ein Star. Nicht in der Rolle als Arzt, dem das Grauen von Verdun in die Verzweiflung treibt oder als preisgekrönter Autor eines Films, der den Turbokapitalismus anprangert. Diese Angebote zog man zurück.
Jan-Olaf war jetzt „Stupid guy is afraid of a duck“ und er hatte über 170 Millionen Klicks. Er war berühmt. Aber trösten konnte ihn das nicht.

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