Gedankenstrom

Sich an Bands erinnern: SUCH A SURGE

pic frpm suchasurge.de

pic from suchasurge.de

Es war Mitte der Neunziger, als einer der eher merk- als denkwürdigen Trends das Licht der Welt erblickte: „Crossover“ war ein prolliges Gemisch aus HipHop, Hardcore und Metal für weiße Mittelstandsblagen, die rumhopsen für einen Tanzstil hielten. Er war testosteronlastig, häufig affig und aus späterer Sicht gesehen zu gefühlten 85% musikalisch gesehen ziemlicher Mist.
Und ich hab es geliebt.
Klassischer Metal der Marke Running wild, Iron maiden, Manowar und Metallica kreiselte zwar auch schon fröhlich in meinem CD-Player, aber was Konzerte, Partys und Cliquenbildung anging war für Kuttenträger Durststrecke angesagt. Allgemein unterstellte man Metal, das er im Großen und Ganzen tot sei. (Schön, das sich damals sehr viele Leute sehr geirrt haben.) Es hatte auch damit zu tun, das sich die Welt um uns drastisch änderte: der kalte Krieg war vorbei, Ost und West angeblich zusammengerückt und der Krieg ums Öl war frisch entfacht. Und hierzulande hatte sich der hässliche Deutsche mit erhobenem rechten Arm und vollgepissten Trainingshosen gezeigt.
Kurzum, wir waren alle ein kleines bisschen zu politisch für Fantasytexte, wollten aber auch feiern. Da kam Crossover ganz recht. Bezeichnend ist zum Beispiel Dog eat dogs „Who’s the king?“, der oberflächlich ein Partykracher vor dem Herrn ist, in dem geklärt werden soll, wer der Chef im Ring ist. Hört man wirklich auf den Text, stellt man allerdings fest, dass es in dem Song durchaus ernst um Rodney King geht.

Ob Rage against the machine, Faith no more, Biohazard, Downset, H-Blockx oder Clawfinger, wir haben sie alle abgefeiert. Aber eine Band war für uns was Besonderes: Such a surge. Denn die Braunschweiger sangen und rappten auf Deutsch. Das war in der Ära vor Rammstein, den Sportfreunden oder Mia. durchaus etwas Besonderes und ungewohnt. Und der Oberkracher war: SaS sangen zusätzlich auch noch auf Englisch UND Französisch. Boah, was kamen wir uns intellektuell vor, das wir uns so eine wilde Mischung reinzogen. Und wenn man so was hört, musste man doch automatisch auch tolerant und weltoffen sein, oder? Vor allem, weil die meisten Texte die politische Linke propagierten.

Ein bisschen vermisse ich es, wie einfach man sich damals die eigenen Weltbilder zusammengeschustert hat.

Such a surge waren zudem auch live eine ziemliche Macht, so da wir nur allzu gerne mit ihnen über Schatten sprangen und gegen den Strom schwammen.

Im Nachhinein muss man sich eingestehen, das Such a surge, ebenso wie viele andere Protagonisten der Welle, nicht unbedingt musikalische Feinarbeiter waren. Und nicht unbedingt die technisch versiertesten Rapper. Und das die damals vor allem auf Konzerten heiß geliebten Gangshouts auch ein gutes Stück albern waren.

Scheißegal, denn trotz alledem erwische ich mich immer wieder, auch wenn ich schon ewig lang keine Surge-Platte gehört habe, dabei wie ich „Gegen den Strom“ oder „Schatten“ oder auch das eigentlich eher mittelprächtige, aber trotzdem unwiderstehliche „Silver surger“ vor mich hinsinge. Irgendwas müssen sie also richtig gemacht haben.

2006 hat sich die Band nach sechs Alben und einem ziemlich coolen Ausflug in Hardcore-Gefilde vorerst aufgelöst. Eine Rückkehr wurde von den Jungs nicht ausgeschlossen, aber momentan ist nichts in Sicht. Sollten sie sich mal wieder zusammenraufen und live spielen: ich bin dabei. Wahrscheinlich werde ich nicht hüpfen. Aber die Gangshouts mitbrüllen. Und es genießen, wieder ein kleines bisschen peinlich zu sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s