Gedankenstrom

Kino? Eher nicht mehr. (Scheiß auf Perfektion!)

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Es ist Samstag, die Abendplanung ist voll im Gange.

Was liegt an, wo soll’s hingehen?

Tanzen? Saufen? Oder doch erstmal ins Kino?

Letzteres wohl nicht mehr allzu oft, zumindest was mich angeht. Zu diesem Entschluß kam ich neulich, als ich mich mit meinem Mädchen in das lokale Großkino begab, um den „Hobbit“ zu gucken.

Nein, am Film lag es nicht. Ein bisschen lang geraten an manchen Stellen, freue ich mich über die neue Trilogie aus dem Hause Jackson. Ein Ausflug nach Mittelland beziehungsweise Neuseeerde hat immer etwas Beruhigendes für mich, also genau die richtige Dosis Eskapismus, die ich vom Popcorn-Kino erwarte. Manche mögen die eine oder andere allzu lange Wander- und Landschaftssequenz bemosern, aber die sollen sich mal die erste Staffel „Auf Achse“ reinziehen, da wurde mal flockig fünf Minuten handlungsfrei über deutsche Landstrassen gegurkt. Und es war trotzdem geil. Ein „Yes, please!“ der Entschleunigung. Aber es soll hier nicht um den Film als solches gehen, sondern um das „Erlebnis Kino“.
Der erste Dämpfer war nicht nur die lange Warteschlange, sondern die Tatsache, das man das Kinogebäude neu, ähm, nun ja, …“gestaltet“ hat. Teppich raus und durch Linoleum ersetzt und die Sitzecken durch etwas, das zwar auch zum Draufsetzen gedacht ist, aber eher Ähnlichkeit mit einem überdimensionalen Modell der DNS eines kubistischen schizophrenen Künstlers hat. Ticketschalter und Freßstand drängen sich an die Wände wie Kaninchenjunge, wenn der Fuchs mal im Bau vorbeischaut. Jegliche Kinodeko wurde  verbannt und nur noch einige elektronische Bilderrahmen bewerben neue Filme. Mit der Farbgebung in Grün und Weiß versprüht das Foyer nun den Charme einer Bahnhofshalle, die den weltgrößten Bubbletea-Stand beherbergt. Alles hier schreit den Besucher an: „Wir! Wollen! Dich! Hier! Nicht! Kauf dein Ticket online und belästige uns nicht mit deinen Wünschen. Reinkommen, durchgehen in deinen Saal und auf deinen Platz setzen und Schnauze halten! Aber Zack, Zack!“
Beinahe schämt man sich für sein First-Life-Konsumverhalten, wenn man dann ganz oldschool sein Billet am Schalter kauft. Blöderweise läuft in absehbarer Zeit nur die 3D-Fassung. Also erstmal den Zuschlag für die Überlänge gelöhnt, dann auch noch fürs ungewollte 3D-Erlebnis, das bei mir immer zu einem wundgeschubberten Nasenhöcker führt, weil die Hightech-Nana-Mouskouri-Gedächtnisbrille ungefähr den Tragekomfort hat wie eine sehr angepisste Bisamratte, die man als Schal benutzt. Dann nochmal Zuschlag, weil das Ganze im superneuen „High frame rate“-Format gezeigt wird. 48 Bilder pro Sekunde statt der üblichen 24, soll voll knorke sein und eigentlich sieht man dann ja auch doppelt so viel Film wie vorher. Tröstet mich nicht, meine Augen und vor allem mein Hirn sind seit meiner Kindheit nicht unbedingt schneller geworden. Soviel „Tetris“ und „Unreal tournament“ kann ich gar nicht auf höchster Schwierigkeitsstufe zocken, als das ich 48 Bilder pro Sekunde brauche.
Egal, wir wollten Hobbit gucken, also werden die Zähne zusammengebissen. Zu diesem Zeitpunkt sind schon fast 30 Euro für uns beide über den Tisch gewandert. VOR Popocorn und Cola. Mehr Zuschläge gibts eigentlich nur, wenn man Vitali Klitschko steckt, dass Milchschnitte eher scheiße schmeckt.
Aber anscheinend könnte es noch schlimmer werden, denn neuerdings lässt sich das Kino intensivsponsoren. Wir betreten also den „Ritter Sport-Saal“ (!) und zwei Befürchtungen meinerseits bestätigen sich:

1. Sind die Sitze jetzt mit werbewirksamen Bezügen im Schokoverpackungsdesign aufgepeppt und die Reihen ernsthaft nach den verschiedenen Geschmacksrichtungen der quadratischen Diabetesbeschleuniger benannt und
2. hat man auch hier sämtlichen Teppich durch Linoleum ersetzt.

Nicht nur, das sich dadurch das Gequassel, Geraschel und Geschnaufe der Mitmenschen lustig akustisch hochschaukelt und man das Gefühl hat, in einer Wohnheim-Küche zu sitzen, macht es auch überhaupt keinen Spaß mehr, etwas auf den Boden fallen zu lassen. Vorbei die Zeiten, wo man sich wenigstens mal im Kino im Schutz der Dunkelheit als dekadenter Vollarsch betätigen konnte und den Gedanken genoss, das es bestimmt scheiße schwer sein muß, klebriges Popcorn aus der widerspenstigen Kunstfaser zu friemeln. Und wo 3D bedeutete, das man zusätzlich zum optischen und akustischen Eindruck sich auch fragte, was das denn gerade knubbeliges war, das man unter der Schuh- (oder im Fall maximaler Entspannung: Fuß-) Sohle spürte.

Nun ja, ich war also offiziell schon gut gepisst, als das Licht endlich ausging und der Film startete. Blöde Brille aufgesetzt und auf zurück nach Mittelerde, endlich.

Nun ja, wie gesagt: dieser Film wurde in der neuen High frame rate gedreht. Natürlich auch alles in Bingo-Bongo-Schlagmichtot-High-Definition. Es war, kurz gesagt, ein glasklares Bild.

Es war so glasklar, das es nicht im entferntesten wie ein Kinofilm aussah. Es sah aus, wie die alten TV-Serien aus den Achtzigern, vorzugsweise aus den Studios der BBC, die im MAZ-Format aufgezeichnet wurden.
Es sah aus wie eine beschissene Dokumentation. Jeden Moment erwartete man, das die Stimme von z.B.Christian Brückner aus dem Off über das Paarungsverhalten der Trolle referiert. Oder Tine Wittler durch die Tore von Moria rollt, um die Zwergenstollen mal ein bisschen mediterraner zu gestalten.

Es wirkte so echt, das man 1A sah, das es unecht war.

Manche Leute vertreten die These, das Comics im Grunde genommen anspruchsvoller zu rezipieren sind als Bücher oder Filme, da man zwar ein klares Bild der Protagonisten und ihrer Umwelt bekommt, genauso wie es sich der Künstler erdacht hat, aber alles zwischen den einzelnen Bildern im eigenen Hinterstübchen ergänzen muss. Gerade der scheinbare Mangel macht den Reiz des Mediums aus. Die Fantasie wird angeregt.
Also sollten tatsächlich die meiner bescheidenen Meinung nach, großartigen bis perfekten Illusionen aus dem Computer noch zu verbessern sein, dann ganz bestimmt nicht durch ein immer schärferes Bild.
Fuck HD! Fernsehserien, die vorher toll aussahen, wirken inzwischen wie Aufzeichnungen aus dem Ohnsorgtheater. Und all die Tricks, um Mittelerde zum Leben zu erwecken sind zwar immer noch offensichtlich grandios, aber das Bild tippt einen immer wieder wie ein extrem nerviger Sitznachbar ans Hinterhirn und flüstert: „Sind nur Tricks. Erkennste, ne? Ne? Siehste, ne? Ne?“

Scheiß auf die Perfektion, wenn ein perfektes Bild den Herrn der Ringe in Xena, die Kriegerprinzessin verwandelt. Scheiß auf immer neue Technik, die nichts, aber auch gar nichts zu den Geschichten beiträgt und nur dazu dient, in die Taschen der Besucher zu grapschen.
Behaltet eure Technik!
Gebt uns Filme!
Gebt uns Geschichten!
Ansonsten könnt ihr euer Popcorn bald allein mampfen. Und auf den pflegeleichten Fußbodenbelag krümeln.

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